Warum Schwellenländer in keinem Portfolio fehlen dürfen

„Das Bild, das Investoren von den Schwellenländern heute haben, ist oftmals noch von den 1990er Jahren und dem nachfolgenden Jahrzehnt geprägt“, stellt Andrew Keirle, Portfoliomanager von T.Rowe Price, fest. Angetrieben vom Rohstoff-Superzyklus, der jungen und dynamisch wachsenden Bevölkerung und dem wirtschaftlichen Aufholprozess der Emerging Markets in einem Umfeld der zunehmenden Globalisierung liefen Anlagen aus diesen Ländern damals fast nur nach oben.

Zwar brachten diese auch in den vergangenen zehn Jahren positive Erträge. „Aber diese fielen weit weniger spektakulär aus, als in der Zeit davor“, so der Experte weiter. In der Tat belasteten in dieser Phase das Platzen der Rohstoffpreisblase, der Handelskonflikt zwischen China und den USA, der rückläufige Welthandel oder auch der starke US-Dollar die Emerging Markets. „Was Sie aber nicht vergessen dürfen ist, dass wir in dieser Zeit auch einen tief greifenden Wandel in diesen Ländern und deren Umfeld gesehen haben, der heute einen ganz anderen Blick auf diese Anlageklasse notwendig macht“, so Keirle.

 

Phase der Industrialisierung geht zu Ende

So neigt sich in vielen Emerging Markets, gerade aber in China, die Phase der Industrialisierung dem Ende entgegen, wobei der Konsum- und der Dienstleistungssektor im Gegenzug stark an Bedeutung gewinnen. Dies hat vielfältige Auswirkungen. „Sie müssen zum Beispiel bedenken, dass Rohstoffe dadurch im Emerging-Market-Universum deutlich an Bedeutung verloren haben“, erläutert Keirle. Vor zehn Jahren kamen der Energie- und der Grundstoffsektor zusammen auf fast 29 Prozent im MSCI Emerging Market Index. Heute sind es knapp 15 Prozent.

Dafür machen die Informationstechnologie, Kommunikation und Nicht-Basiskonsumgüter knapp 40 Prozent aus. „Gehen also die Energiepreise zurück, dann wird das nicht mehr alle Emerging Markets gleichermaßen betreffen“, sagt der Experte.  Während sich das negativ auf stark rohstoffabhängige Volkswirtschaften auswirken kann, könnte dies zugleich bedeuten, dass Verbraucher in China und Indien einen größeren Teil des Einkommens für Lebensmittel, Reisen oder Unterhaltung ausgeben können – Bereiche, die in den Schwellenmärkten inzwischen eben eine viel große Rolle spielen.

 

Langfristige Faktoren unterstützen Emerging Markets

Mit der stärkeren Fokussierung auf die Binnenwirtschaft nimmt zugleich die Abhängigkeit von externen Faktoren ab, womit manche Schwellenländer heute eine bessere Diversifikation gegenüber den Märkten der Industrienationen bieten. Zudem gewinnt aufgrund dieser zunehmenden Heterogenität eine genaue Analyse der länder-, branchen- und titelspezifischen Treiber stark an Bedeutung. „Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass Faktoren wie eine junge demografische Struktur, die das Wirtschafts- und Produktivitätswachstum langfristig unterstützt, in vielen Emerging Markets weiter intakt ist“, so der Experte weiter.

Neben der Chance auf ein anhaltend höheres Wachstum bieten Schwellenländeraktien und -anleihen damit das Potenzial, ein Portfolio breiter zu streuen und so ein besseres Chance-Rendite-Verhältnis insgesamt zu erreichen. Das lässt sich am Anleihebereich gut zeigen. „Viele Regionen und Sektoren in den Emerging Markets besitzen inzwischen defensive Merkmale, weshalb sie in Phasen wachsender Risikoaversion besser abschneiden können als andere Anlageklassen“, erläutert Keirle. So tun sich Unternehmensanleihen aus den Schwellenländern, die mit einem Gesamtwert von über zwei Billionen US-Dollar aus 50 Ländern heute größer sind als der Markt für US-Hochzinsanleihen, aufgrund ihrer guten Fundamentaldaten als besonders defensiver Sektor hervor, während zugleich die Ausfallraten auf zyklischen Tiefständen liegen.

 

Emerging-Market-Anleihen mit attraktiven Renditen

„Zudem dürfen Sie nicht vergessen, dass Schwellenländeranleihen, in einem Umfeld, in dem Anleihen aus den Industriestaaten im Volumen von fast 17 Billionen Dollar negativ rentieren, eine viel höhere Verzinsung aufweisen“, so der Experte weiter. So haben Lokalwährungsanleihen gemessen am entsprechenden JP Morgan Index in den vergangenen acht Jahren eine durchschnittliche Rendite von 5,5 bis 7,5 Prozent gebracht. „Dadurch bieten Schwellenländeranleihen eine attraktive und, aufgrund der breiten Streuung nach Märkten, relativ konstante Rendite sowie ein überzeugendes Durationsprofil mit interessanten langfristigen risikobereinigten Erträgen“, so sein Fazit.

Ähnliches gilt für den Aktienbereich. „Hier müssen Sie bedenken, dass diese Märkte schwierig und gewöhnlich weniger effizient sind als jene in den Industrieländern“, erklärt Keirles Kollege Scott Berg. „Wir stellen immer wieder fest, dass Aktien erstklassiger Wachstumsfirmen häufig unterbewertet sind, weil der Markt die Nachhaltigkeit ihrer langfristigen Ertragsströme unterschätzt.“ Und das gelte in besonderem Maße für Schwellenländer, in denen häufig langfristige Trends wie die demografische Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.

Und schließlich profitieren die Emerging Markets von der inzwischen wieder expansiveren Geldpolitik der Zentralbanken, allen voran der US-Notenbank Fed. Natürlich sollte niemand die speziellen Risiken dieser Anlageklasse vergessen. Sollte es zu einem veränderten wirtschaftlichen oder geldpolitischen Umfeld kommen, kann dies starke Kursverluste bei Emerging-Markt-Anlagen zur Folge haben. Dazu kommt der nach wie vor ungelöste Handelskonflikt zwischen China und den USA, der sich kurzfristig immer wieder negativ auswirken kann.

„Langfristig aber bieten ausgewählte Schwellenländeranlagen erhebliche Wachstumschancen, ein gutes Risiko-Ertragsprofil und einen Diversifikationsvorteil“, fasst Keirle zusammen. „Sie sollten deshalb in keinem global ausgerichteten Portfolio fehlen.“