Warum Verbriefungen ihren Schrecken verloren haben

Verbriefungen wurden seit der Finanzkrise immer stärker reguliert. Der Markt schöpft neues Vertrauen, und selbst Fintechs entdecken die Instrumente. Aus gutem Grund.

Verbriefungen gelten als Ursprung der Finanzkrise. Mehrfach verbriefte Kredite von geringer Bonität brachten damals die Banktürme ins Wanken. Doch der Markt hat sich erholt:  Zwischen 2013 und 2018 stieg das Emissionsvolumen in Europa kontinuierlich an und erreichte im vergangenen Jahr trotz zunehmender Konjunktursorgen mit 257,9 Milliarden Euro das beste Ergebnis seit acht Jahren. 

Doch was bedeutet das? Wiederholt die Branche die Fehler von damals? Für Sven Ulbrich, Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters CAPSENSIXX, zu dem auch der Verbriefungs-Spezialist Oaklet gehört, hat sich der Verbriefungsmarkt in den vergangenen Jahren stark gewandelt. „Verbriefungen funktionieren heute längst nicht mehr nach dem Motto ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘. Die Aufsicht verpflichtet Originatoren bei tranchierten Verbriefungen dazu, einen Teil des verbrieften Risikos auch weiterhin zu tragen. So sitzen Investoren und Originatoren im selben Boot“, erklärt Ulbrich und weist auch auf die gestiegene Transparenz hin.

 

Verbriefungen beleben den Kreditmarkt

Bereits 2013 hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit dem European Data Warehouse eine Plattform eingeführt, auf der Originatoren von Verbriefungen potenziellen Marktteilnehmern detaillierte Daten zur Verfügung stellen müssen. Tun sie das nicht, sind die Verbriefungen nicht als Sicherheit bei der EZB zugelassen. Anfang 2019 wurden diese Regelungen mit der sogenannten STS-Verordnung sogar noch ausgeweitet. Ziel ist es, Verbriefungen sicher, einfach und transparent zu machen, um deren Attraktivität für Investoren zu steigern. 

Dass die EU daran großes Interesse hat, liegt an der Rolle, die Verbriefungen für Banken inzwischen einnehmen: „Kredit-Verbriefungen helfen Banken dabei, Eigenkapitalquoten zu erreichen und Chancen für Neugeschäft ergreifen zu können“, erklärt Marie Louise Seelig, Gründerin und CEO des Verbriefungs-Fintechs Acatus.

 

Standardisiert oder individuell – Investoren haben die Wahl

Mit Acatus will Seelig Originatoren und Investoren auf einer digitalen Plattform zusammenbringen. Während klassische Verbriefungs-Dienstleister in der Regel mehrere Forderungen bündeln, setzt man bei Acatus auf die Verbriefung von Einzelkrediten. „Verbriefungen auf Einzelkreditbasis sind nicht weniger transparent als der Kredit an sich. Im Gegenzug entstehen aus der Handelbarkeit der einzelnen Wertpapiere eine Reihe von Vorteilen - für Originatoren, Investoren und auch den Kreditmarkt“, findet Seelig und betont die Pluspunkte standardisierter Prozesse hinsichtlich Kosten und Zeit. 

Während Fintechs wie Acatus mit standardisierten Lösungen auch kleinere Volumina abdecken wollen und sich perspektivisch sogar Privatanleger als Investoren vorstellen können, geht der Trend bei etablierten Playern in eine andere Richtung: „Einzelverbriefungen sind insbesondere wegen der geringeren Anforderungen an das Reporting kostengünstig. Allerdings geht dies zu Lasten des Diversifikations-Effekts. Im Bereich der Verbriefungen für institutionelle Kunden geht der Trend daher zu größeren Volumina“, erklärt CAPSENSIXX-CEO Ulbrich und betont die Vorteile individuell konzipierter Verbriefungen, welche aufsichtsrechtliche und steuerliche Anforderungen von Investoren bestmöglich mit deren Risikoprofil in Einklang bringen könnten.

Als Kehrseite individuell konzipierter Lösungen gilt deren schlechtere Vermarktbarkeit an Dritte. Dies ist nach den Erfahrungen der Finanzkrise aufsichtsrechtlich geboten. Plattformen wie Acatus können in diesem Bereich mit ihren standardisierten Lösungen punkten. „Verbriefungen gingen bislang komplexe Verfahren voraus, bei denen Juristen beteiligter Parteien teilweise über Monate am Vertragstext feilten. Standardisierte Rahmenbedingungen und digitale Prozesse sorgen inzwischen dafür, dass Verbriefungen innerhalb weniger Tage umgesetzt werden können“, erklärt Seelig.

 

Investoren haben dazugelernt

Wie das Wachstum der vergangenen Jahre zeigt, scheint es am Markt für jeden der beiden Ansätze Potenzial zu geben. Mit den 2019 neu eingeführten Vorgaben für die Verbriefungs-Branche steigt die Transparenz für Investoren zusätzlich. Dennoch warnen Branchenkenner wie Ulbrich davor, Daten als Allheilmittel zu sehen: „Trotz der strengen Regulierung und der gewachsenen Transparenz bleiben Verbriefungen eine Anlageklasse, die auf Seiten der Investoren ein hohes Maß an Expertise erfordert. Granulare Daten unterstützen bei der Risikobewertung, müssen aber auch richtig interpretiert werden können.“ 

Damit Anleger Verbriefungen richtig einsetzen, spricht sich Ulbrich für die klassische Kreditanalyse aus, die auch in Zeiten von Big Data zum Handwerkszeug von Investoren gehören müsse. Eines haben Anleger nach Ansicht von Ulbrich allerdings bereits gelernt: „Die vor der Finanzkrise gängige Praxis, Verbriefungen mehrfach umzuverpacken, um bestimmte Risikoprofile zu erreichen, kommt nicht mehr vor. Es gibt heute zu Recht keine Investoren mehr, die solche Produkte kaufen würden.“ Mehr als zehn Jahre nach der großen Krise sind die ehemaligen „Massenvernichtungswaffen“ entschärft.