Was bedeutet der Fall Khashoggi für Saudi-Arabien?

Für Rendite-orientierte Investoren ist Saudi-Arabien weiterhin ein interessanter Emerging Market. Trotzdem hat das Königreich nach der Affäre um den Mord am Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi Schaden genommen. Das zeigt das Fernbleiben wichtiger Regierungsvertreter und Unternehmen von der „Future Investment Initiative“ in Riad.

Die Zahlen sollten eigentlich positiv stimmen. „Saudi-Arabiens Wirtschaft könnte 2018 nach dem Rückgang im letzten Jahr wieder leicht wachsen. Das Statistikamt meldet für das erste Quartal 2018 ein reales Plus von 1,2 Prozent im Vorjahresvergleich. Der Ölpreis ist in den letzten Monaten wieder etwas gestiegen, die höheren Einnahmen begünstigen Investitionen. Die Mitgliedsländer der Opec haben sich von Juli an auf eine höhere Ölförderung geeinigt“, meldet Germany Trade and Invest – Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI).

 

Für 2019 sieht die Prognose ein Wachstumsplus von drei Prozent vor, und auch die Investitionsprojekte ziehen wieder an. Der Börsengang von Saudi Aramco beispielsweise könnte Schätzungen zufolge bis zu 100 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse spülen. Saudi Aramco ist derzeit die größte Erdölfördergesellschaft der Welt mit Unternehmenssitz in Dhahran. Nach Angaben des „Manager Magazin“ galt Saudi Aramco im Jahr 2015 als das wertvollste Unternehmen der Welt.

 

Und die Projekt-Pipeline ist wieder ganz ansehnlich gefüllt: Von Januar bis Mai 2018 wurden laut dem Analyseunternehmen Meed Projects Aufträge für Projekte im Gesamtwert von 17 Milliarden US-Dollar vergeben, in den fünf Monaten zuvor waren es 14 Milliarden US-Dollar, von Januar bis Mai 2017 etwa 15 Milliarden US-Dollar. Dies hängt vor allem mit einem Zukunftsprogramm Saudi-Arabiens zusammen. Mit der sogenannten „Vision 2030“ wolle das Land seine Abhängigkeit vom Öl reduzieren, die Wirtschaft diversifizieren und die lokale Produktion ausbauen. Die „Local Content“-Anforderungen bei öffentlichen Ausschreibungen würden strikter, außerdem wolle sich der Staat als wichtigster Wirtschaftsakteur zurückziehen und den Privatsektor stärken, teilt GTAI mit.

 

Die langfristig offenbar positive Entwicklung des Ölstaates hat auch für Geldanleger zu guten Chancen geführt. Das zeigen beispielsweise Aktienfonds mit einem Fokus auf Saudi-Arabien und andere MENA-Staaten (Middle East North Africa – Mittlerer Osten und Nordafrika). So hat beispielsweise der Aktienfonds „Magna MENA“ von Charlemagne Capital in drei Jahren 40 Prozent zugelegt. Oder der „Middle East & Africa Equity Fund“ von T. Rowe Price: Der Fonds mit Aktien aus dem Mittleren Osten und Afrika hat innerhalb von zwölf Monaten mehr als elf Prozent zugelegt.

 

Die generelle Entwicklung lässt sich auch anhand der verschiedenen Indizes nachvollziehen, die die Wirtschaft des Landes und der Region abbilden. Der S&P Pan Arab Composite versammelt die wichtigsten Aktien aus elf arabischen Ländern, wozu freilich auch Saudi-Arabien gehört. Das Jahreswachstum liegt bei knapp neun Prozent, das Drei-Jahres-Ergebnis bei etwa 2,5 Prozent. Und der saudi-arabische Leitindex Tadawul All Share Index hat binnen eines Jahres rund 16 Prozent an Wert gewonnen.

Das alles klingt nach recht ordentlichen Ergebnissen eines Emerging Market, an denen Anleger partizipieren können. Aber die Frage ist: Wollen sie dieses auch? Denn in den vergangenen Wochen haben sich wirklich unappetitliche Dinge in dem streng islamischen Königreich abgespielt. Die Rede ist natürlich von der Ermordung des Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi am 2. Oktober im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul. Er war Direktor der saudi-arabischen Tageszeitung „Al-Watan“ und lebte im Exil in den USA. Khashoggi war laut den türkischen Behörden „verhört, gefoltert und dann getötet“ wurden.

 

In der Folge entspann sich ein diplomatisches Theater mit vielen Dementi, bis die Generalstaatsanwaltschaft in Saudi-Arabien am 20. Oktober die Ermordung bestätigt, worauf die Verhaftung von 18 Personen und die Entlassung des stellvertretenden Chefs des saudischen Nachrichtendienstes al-Muchabarat al-'Amma, Generalmajor Ahmad Hassan Mohammad Asiri, sowie des Beraters des Zentrums für Studien und Medienangelegenheiten am saudischen Königshof, Saud Al-Kahtani, folgten.

 

International wurde das Vorgehen scharf kritisiert und schnelle und umfassende Aufklärung gefordert. Zugleich gab es keine (wirtschafts-)politischen Konsequenzen, beispielsweise setzen die USA Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien fort. Und auch die Bundesrepublik liefert aufgrund verschiedener Ausnahmeregelungen Waffen an das Königreich – obwohl dies im Koalitionsvertrag der Großen Koalition ausdrücklich ausgeschlossen wird. Bei der Wirtschaftskonferenz „Future Investment Initiative“ in Riad hat Saudi-Arabien zudem Verträge in den Bereichen Öl, Gas und Verkehr im Wert von mehr als 50 Milliarden US-Dollar vereinbart. Zu den neuen Partnern gehören unter anderem Hyundai Heavy Industries, die Erdöl-Service-Gesellschaft Baker Hughes, Technik-Dienstleister Halliburton und das chinesische Unternehmen Norinco. Norinco produziert Fahrzeuge aller Art, Maschinen, opto-elektronische Geräte, Ausrüstung für Erdölfelder, Chemikalien, Explosivstoffe, leichte Industrieprodukte, zivile und militärische Waffen und Munition.

 

Das sieht trotz des Skandals nach eitel Sonnenschein für den Erdöl-Giganten aus. Ist es aber nicht. Denn nicht gerade unwichtige Wirtschaftsvertreter wie IWF-Chefin Christine Lagarde, britische Handelsminister Liam Fox, der US-amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin und Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sowie rund 20 Chefs von Firmen wie JPMorgan, Ford, Uber und der Deutschen Bank hatten ihre Teilnahme zurückgezogen.

 

Noch ist nicht ganz abzuschätzen, was dieses Ereignis für die wirtschaftliche Strahlkraft Saudi-Arabiens bedeutet. Eine Rendite-orientierte Sichtweise auf Saudi-Arabien ist bisweilen nicht getrübt, konkrete Sanktionen drohen wohl auch nicht – aber gerade hinsichtlich der Nachhaltigkeit von Investments könnten Engagements sowohl von privaten als auch professionellen Investoren fraglich werden. Wer Nachhaltigkeitskriterien für wichtig erachtet, könnte Magenschmerzen bei Saudi-Arabien bekommen. Und wenn führende Unternehmen ihre Investitionsbereitschaft abbauen, kann dies zu einer langfristig negativen Entwicklung führen.