Was gegen Zinsen tief im negativen Bereich spricht

Im Marktkommentar beleuchtet Dr. Holger Schmitz, Vorstand der SCHMITZ & PARTNER AG, die aktuellen Ereignisse an den Devisen- und Anleihemärkten.

Der Trend zu weiter sinkenden Zinsen bis in den Minusbereich hinein ist nicht nur in der Schweiz oder in Deutschland zu beobachten, wo zum Beispiel die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihen erstmals seit Mitte des Jahres 2016 wieder in den negativen Bereich gefallen ist. Negative Zinsen traten in der Eurozone zum ersten Mal am 30. November 2011 auf und begleiten die Märkte seitdem durchgehend, so etwa bei kurzlaufenden Anleihen, die seither stets negativ rentieren. Weltweit betrachtet hat nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg das Volumen der umlaufenden Anleihen mit negativer Rendite zum ersten Mal seit dem Herbst 2017 wieder die Marke von 10.000 Milliarden Dollar übertroffen.

Der Hauptgrund für die Minuszinsen liegt in der weiterhin lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank unter ihrem Präsidenten Mario Draghi. Die Schlagzeilen nach der letzten Sitzung des Zentralbankrates in Frankfurt Anfang März lauteten dementsprechend: „Draghi verschiebt die Zinserhöhung bis 2020“, „Die EZB verlängert die Nullzinspolitik“ oder auch „Draghi hält die Schleusen offen“. Die vielprognostizierte und von den Sparern erhoffte Zinswende bleibt damit bis auf weiteres aus:

Am Devisenmarkt setzte sich die momentane Schwächetendenz des Euro gegenüber dem Schweizer Franken weiter fort. Nachdem der Franken bereits im vergangenen Jahr fast vier Prozent gegenüber dem Euro an Wert gewonnen hat, stieg er auch im ersten Quartal des laufenden Jahres weiter an.

 

Wie reagieren die Notenbanken auf den Konjunkturabschwung?

Die Situation mit Nullzinsen bzw. Minuszinsen ist für Sparer und Anleger eine unangenehme und unbefriedigende Situation. Die internationalen Notenbanken wollten in der letzten Finanzkrise das Wirtschaftswachstum durch Nullzinsen ankurbeln. Das ist auch gelungen. Doch jetzt droht möglicherweise der nächste Konjunkturabschwung, und die Zentralbanken können die Zinsen von dem jetzt erreichten Nullniveau nicht mehr weiter senken. Oder vielleicht doch? In der Vergangenheit haben die internationalen Notenbanken die Leitzinsen um drei bis sechs Prozentpunkte gesenkt, um eine Rezession zu bekämpfen. Geht man von der aktuellen Situation der Nullzinsen aus, müssten die Zentralbanken die Zinsen in der nächsten Krise daher weit in den Minusbereich drücken.

So hat beispielsweise der Harvard-Professor und ehemaliger Chef-Ökonom des Internationalen Währungsfonds Kenneth Rogoff bereits in Interviews argumentiert (etwa in der Neuen Zürcher Zeitung vom 21. Februar 2019): ,, „Negativzinsen von -6 Prozent könnten eine Möglichkeit sein, um in Zukunft mit konjunkturellen Krisen umzugehen.“

Als Haupthindernis für Zinsen tief im negativen Bereich gilt bisher, dass Bürger und Anleger vom Buchgeld (Bankkonten) auf Bargeld (Banknoten) ausweichen können. Denn wenn die Notenbanken die Zinsen weit unter null drücken und damit das Buchgeld auf den Bankkonten entwerten, dann horten Unternehmen und Sparer eben große Beträge in Scheinen. Und genau diese Fluchtmöglichkeit ins Bargeld muss verhindert werden – Bargeld soll abgeschafft werden!

 

Krieg gegen das Bargeld

Da scheint es auch nicht weiter zu stören, dass zum Beispiel im Gesetz über die Deutsche Bundesbank in § 14 Absatz 1 Satz 2 eindeutig geregelt ist: „Auf Euro lautende Banknoten sind das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel.“ Der Krieg gegen das Bargeld hat längst begonnen. Das Ziel lautet: starke Einschränkung des Bargelds mit dem Endziel, es völlig abzuschaffen!

Wer von unseren Lesern immer noch glaubt, eine Bargeldabschaffung zur Beseitigung der Fluchtmöglichkeit bei der geplanten Enteignung von Kontengeldern sei völlig abwegig, ja geradezu undenkbar, möge doch bitte die aktuellen Ideen des Internationalen Währungsfonds verfolgen. Die beiden Ökonomen Ruchir Agarwal und Signe Krogstrup haben ein Denkpapier veröffentlicht (https://blogs.imf.org/2019/02/05/cashing-in-howto-make-negative-interest-rates-work/), wie Notenbanken tiefe Minuszinsen für Buchgeld und auch für Bargeld durchsetzen können. Die Forscher schlagen vor, das Bargeld durch einen von der Zentralbank künstlich festgelegten Wechselkurs gegenüber dem Buchgeld abzuwerten und so faktisch mit einem Negativzins zu belegen. Mit anderen Worten: Bargeld soll genauso schlecht dastehen wie negativ verzinste Kontoguthaben.

Was bedeutet das konkret? Der Internationale Währungsfonds empfiehlt, „einen Wechselkurs zwischen Bar- und Buchgeld einzuführen, um das Bargeld abzuwerten und unattraktiv zu machen. Drückt die Zentralbank den Leitzins etwa auf minus drei Prozent, wird auch Bargeld um drei Prozent abgewertet.“ Nach dem Vorschlag des Internationalen Währungsfonds soll die Europäische Zentralbank die Geldmenge teilen: „Zum einen gibt es ‚E-Geld‘, das elektronisch auf den Spar- und Girokonten liegt, zum anderen Bargeld. Das Bargeld soll im Bedarfsfall gegenüber dem E-Geld abgewertet werden, im gleichen Maß wie der Negativzins.“

 

Kaum noch Ausweichmöglichkeiten

Wenn in naher Zukunft nicht nur Buchgeld, sondern auch Bargeld mit hohen Negativzinsen enteignet wird, gibt es nicht mehr viele Ausweichmöglichkeiten für Anleger und Sparer. Da ja auch verzinsliche Wertpapiere wie zum Beispiel Staatsanleihen seit längerem negativ rentieren, wird nach Auffassung von Schmitz & Partner viel zusätzliches Geld in die Aktienmärkte fließen, mit entsprechend steigenden Aktienkursen.

Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank, die bereits damit begonnen hat, die Banknoten mit hohem Wert, wie dem 500-Euro-Schein, ab Ende April 2019 nicht mehr auszugeben (der Anfang vom Ende des Bargelds?), hält die Schweizerische Nationalbank dem 1.000-Franken-Schein die Treue: Anfang März wurde die 1.000-Franken-Banknote neu aufgelegt. Seit dem Jahr 1907 gibt die Nationalbank in der Schweiz den 1.000-FrankenSchein heraus und bringt nun „ein neues Modell dieses edlen Klassikers“ in Umlauf.

Für viele andere Notenbanken ist dieser 1.000-Franken-Schein der Schweizer Nationalbank ein Dorn im Auge. Denn er unterminiert aus der Sicht der anderen Zentralbanken deren Bestrebungen, das Bargeld, insbesondere die Wertaufbewahrungsfunktion des Bargelds und damit die Fluchtmöglichkeit vor der geplanten und systematischen Enteignung des Buchgeldes zu unterbinden. Wer beispielsweise eine Million Schweizer Franken von seinem Konto abhebt, in die neuen Tausender-Noten stückelt und dann abseits der Banken lagern will, braucht weder viel Kraft noch viel Platz: Ein solcher Stapel wiegt nur rund ein Kilogramm und ist lediglich zehn Zentimeter hoch. Es passt in jede Tasche oder Schublade.

 

Begehrter 1000-Franken-Schein

Welche (wachsende) Bedeutung der 1.000-Franken-Schein als Fluchtmöglichkeit vor den üblen Ideen von Politikern und Banken haben, zeigen folgende Zahlen: Laut Angaben der Schweizer Nationalbank beläuft sich der Wert der im Umlauf befindlichen 1.000-Franken-Scheine auf 48,6 Milliarden Franken. Das entspricht rund 59 Prozent des gesamten Banknotenumlaufs.

Die Nachfrage nach Tausendern zog zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008 sprunghaft an. Die Bürger trauten den Banken nicht mehr und brachten vorsichtshalber zumindest einen Teil ihres Vermögens in Sicherheit: Den zweiten spürbaren Anstieg der Nachfrage nach Tausendern löste die Schweizer Nationalbank aus, als sie im Januar 2015 Negativzinsen für große Kontoguthaben verhängte, um die Anlegerflucht in den sicheren Hafen Schweiz zu bremsen und den Kursanstieg des Schweizer Franken gegenüber der Schwachwährung Euro zu bremsen.

Wir von Schmitz & Partner sind froh, dass sich die Schweizer Nationalbank nicht zum Büttel der Interessen der Politiker und Banken im Euroland machen lässt und werden weiterhin in den Wertpapierdepots unserer Kunden und in den beiden Schmitz & Partner Fonds (und hier insbesondere im Schmitz & Partner Global Defensiv Fonds) einen hohen Anteil in Schweizer Franken halten.