Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Wege aus der Psychofalle

Den streng rationalen Investor gibt es nicht, leider. Ob Profi oder Privatanleger, wir handeln hoch emotional und tappen in manche Psychofalle. Wie wir diese Emotionen erkennen, kontrollieren und zu besseren Investoren werden.

Wie immer beginnt es mit der Selbsterkenntnis. Wir sind hoch emotionale Wesen, wir können unsere Gefühle nicht abschalten. Wir sind keine Roboter. Aber: Wir können unsere Emotionen und die dann folgenden Verhaltensmuster erkennen und in der Folge hoffentlich kontrollieren. Das ist ein schwieriger Prozess, vor allem für Privatanleger. Doch auch institutionelle Investoren tappen mitunter in Psychofallen, teils mit dramatischen Folgen.

Vor allem die Gier ist ein enorm starker Antrieb. Eine Steigerung der Gier ist die Habgier, also das rücksichtslose Streben nach materiellem Besitz, oft ohne konkreten Nutzen. Eine extreme Form davon ist der Größenwahn. Erfahrene Investoren glauben auf einmal, dass sie die Kapitalmärkte kontrollieren können. Am Ende sind es aber sie selbst, die - getrieben von ihren Emotionen - komplett die Kontrolle verlieren und immensen Schaden anrichten.

 

Viele prominente Beispiele 

Der Brite Nick Leeson beispielsweise ruinierte mit seinen Zockereien an den Terminmärkten die honorige Barings Bank und brachte sogar das einst stabile Britische Pfund ins Wanken. Damals, im Jahr 1995, war Leeson 27 Jahre alt und ein aufstrebender Derivatehändler in Singapur. Seine Aufgabe war es, Arbitrage-Möglichkeiten zwischen den Kursen des Nikkei 225 an den Börsen von Singapur und Osaka auszunutzen. Doch Leeson nutzte die Derivate nicht, um leichte Kursunterschiede abzugreifen, sondern setzte die Instrumente immer stärker zur Spekulation ein. Diese Geschäfte liefen aber zusehends gegen ihn. Der Brite vertuschte seine Verluste und ging immer höhere Risiken ein, in dem Glauben, die Verluste irgendwann auszugleichen. Leeson war bis zuletzt der Ansicht, er sei unschlagbar und habe alles unter Kontrolle. Das Gegenteil war der Fall: Der Brite verspekulierte mehr als 825 Millionen Pfund Sterling. Die Barings Bank brach zusammen, Leeson wanderte für vier Jahre in ein Gefängnis in Singapur. Jahre später erzählte er, Geld sei nicht sein Antrieb gewesen, sondern der Erfolg. Wer immer der Beste sein will, verliert nur leider schnell jegliche Bodenhaftung.

Nick Leeson ist kein Einzelfall. Immer wieder werden selbst Profis von Gier und Größenwahn übermannt. Vor einigen Jahren verspielte Jérôme Kerviel bei der französischen Großbank Société Générale fast fünf Milliarden Euro. Er gilt als bis dato größter Zocker der Geschichte. Der frühere Aktienhändler spekulierte mit deutschen Aktien und Derivaten. Er war keiner der Superstars, die Millionen kassierten. Sein Basisgehalt soll bei 75.000 Euro gelegen haben. Plus Bonus. Und genau da lag wohl das Problem. Jahr für Jahr hoben seine Vorgesetzten die Ziele und die erfolgsabhängige Sonderzahlung an. Also ging Kerviel immer höhere Risiken ein. Er habe für seinen Job gelebt, habe sich für unverwundbar gehalten, erzählte er später in Interviews. Es sei wie ein Spiel gewesen. Auch er wollte übrigens einfach nur beweisen, dass er besser war als seine Kollegen, so geht es aus seinem Vernehmungsprotokoll hervor.

 

Gier durch falscher Anreizstrukturen  

Die Konkurrenzsituation unter Investmentbankern, Fondsmanager und Vermögensverwaltern gilt als große Gefahrenquelle. Die Rankings in der Presse und falsche Anreizstrukturen - auch Profis kann das zu risikoreichen Investments verleiten. Leeson und Kerviel, das sind natürlich extreme Beispiele dafür, was Gier - die wohl extremste Emotion neben der Panik - anrichten kann.

Weniger heftig sind andere Gefühle, die aber ebenfalls zu Fehlentscheidungen führen können. Auch Profis verdrängen manchmal Fakten oder reden sie sich schön und deuten sie so lange um, bis sie „passen“. Auch Profis überschätzen sich, auch Profis agieren mitunter zu waghalsig oder eben auch zu vorsichtig und ängstlich. Und wenn es an der Börse mal wieder richtig turbulent zugeht, dann verliert auch der ein oder andere institutionelle Anleger die Nerven und trifft übereilte, falsche Entscheidungen. Auch sie sind eben Menschen aus Fleisch und Blut. Auch sie sind keine Roboter, sondern agieren mitunter sehr emotional. Obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten.

Grundsätzlich können Profis aber besser mit ihren Emotionen umgehen als Privatanleger und tappen deutlich seltener in Psychofallen. Warum? Sie haben erstens mehr Erfahrung an den Märkten als Privatanleger. Zweitens haben sie gelernt, Emotionen zu erkennen und sich nicht von ihnen in die Irre führen zu lassen. Und drittens folgen sie ganz klaren Strategien - auch wenn es mal wieder turbulenter zugeht. Außerdem sind sie nicht allein.

 

Klare Regeln helfen

Fondsmanager erzählen „im Off“, also vertraulich, dass sie in stürmischen Zeiten im Team zusammensitzen, sich austauschen, ihre Anlageentscheidungen und die aktuelle Marktlage diskutieren, sich auf ihre Strategie besinnen und, ganz wichtig: sich gegenseitig beruhigen. Sie gestehen sich im Team ihre Emotionen ein, die auch bei den Profis hochkochen. Und dann? Emotionen kontrollieren! Dafür haben sie sehr klare Regeln. Manche Asset Manager wie beispielsweise Vanguard geben eigene Behavioral-Finance-Leitlinien für die Mitarbeiter heraus. Dort listet der amerikanische Vermögensverwalter die häufigsten Fehlerquellen bei Investments auf. Das soll die Profis sensibilisieren. Andere Häuser formulieren klare Regeln für gewisse Szenarien an den Märkten, für Ein- und Ausstiegszeitpunkte.

Klare Regeln helfen, emotionale Fallstricken zu meiden. Meistens zumindest. Denn natürlich sind es nicht die Privatanleger, die heftige Kursrücksetzer oder gar einen Crash auslösen. Ihre Orders, ihre finanzielle Macht, sind viel zu gering. Es sind die Profis, die eben von Zeit zu Zeit überreagieren. Die sich von Angst und Panik mitreißen lassen. Ganz verhindern kann man das nicht. Börse ist eben eine hochemotionale Angelegenheit. Oder um es mit dem legendären Börsenaltmeister André Kostolany zu sagen: „Die Börse besteht zu 90 Prozent aus Emotionen.“ Kurzfristig zumindest. Langfristig zählen dann aber doch die Fakten.