Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Wie Berater und Vermögensverwalter Frauen erreichen - Die Frau, das unbekannte „Anlegerwesen“?

Sie verdienen weniger und bekommen später weniger Rente. Frauen müssen noch dringender vorsorgen als Männer, doch viele meiden das Thema Finanzen. Wie können Bankberater, Vermögensverwalter und Co. Frauen erreichen?

Sie sind eine spannende Klientel für die Finanzbranche, aber sie werden scheinbar ein wenig vernachlässigt. Oder erreicht die Branche sie einfach nur nicht? Spricht sie Frauen falsch an? Fakt ist, dass Frauen sich noch immer weniger um ihren Vermögensaufbau kümmern als Männer. Dabei müssten sie es eigentlich viel stärker tun. Denn ihre Rentenlücke ist immens, noch größer als die ihrer Partner. Frauen erhalten gut ein Viertel weniger gesetzliche Rente vom Staat als ihre männlichen Kollegen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie im Auftrag von Fidelity International. Dieses „Gender Pension Gap“ ließe sich mit relativ kleinen monatlichen Sparraten schließen, wie die Studie zeigt. Doch die wenigstens Frauen werden aktiv.

Und falls doch, dann agieren sie bei ihrem Vermögensaufbau oft zu vorsichtig. Verschiedene Studien zeigen immer wieder, dass Frauen zurückhaltender sind als Männer, wenn es um Kapitalanlagen geht. Einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zufolge legen beispielsweise 22 Prozent der Männer in Aktien oder Fonds an, bei Frauen sind es nur 15 Prozent. „Dabei ist es gerade für Frauen wichtig, sich mit den privaten Finanzen auseinanderzusetzen und so früh wie möglich anzufangen, Rücklagen zu bilden und diese möglichst chancenreich anzulegen, um im Alter finanziell unabhängig zu sein“, sagt Claudia Barghoorn, Leiterin Privatkundengeschäft von Fidelity International. „Die Motive, warum ein Investment ‚nichts für sie‘ ist, sind vielfältig: mangelnde Informationen, fehlendes Vertrauen, zu wenig Zeit oder der Fachjargon unserer Industrie.“ An dieser Stelle gelte es Barghoorns Meinung nach anzusetzen: „Wir alle müssen verständlicher kommunizieren, wenn Menschen – Frauen wie Männer gleichermaßen – Freude am Investieren haben sollen“, sagt die Fidelity-Expertin.

 

Frauen werden schlechter beraten

Auch Verbraucherschützer beobachten, dass Frauen oft eine Scheu vor Finanzfragen haben. Insbesondere bei langfristigen Verträgen überlassen sie die Entscheidung den Partnern oder vertrauen dem wohl gemeinten Rat eines Verwandten oder Bekannten. Nicht immer der beste Weg. Im Gegenteil. Besser wäre es, sich auf echte Experten zu verlassen. Doch wie können Bankberater, Vermögensverwalter und Co. Frauen erreichen? Alexandra Niessen-Ruenzi rät Experten zunächst in ihrem Kundenstamm weibliche Anlegerinnen zu identifizieren und wenn sie dabei zu wenige finden, eine entsprechende Kampagne zu starten, wie man sie derzeit häufiger sieht. „Frauen werden seltener überhaupt beraten und wenn, dann schlechter“, sagt die Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Corporate Governance an der Universität Mannheim und Co-Autorin der Fidelity-Studie „The Gender Pension Gap in Germany“. Das liege unter anderem auch daran, dass Frauen im Durchschnitt weniger Finanzmarktkenntnisse in ein Beratungsgespräch mitbringen würden als Männer. Deshalb würden ihnen häufiger teurere Anlageprodukte empfohlen. Das kritisieren natürlich auch die Verbraucherschützer.

Überhaupt hakt bei der Beratung einiges. Vermittler beraten Paare grundsätzlich als Finanzgemeinschaft“, sagt Stephanie Heise von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Da die Männer häufig das höhere Einkommen haben, werden Vorsorge, Existenzsicherung- und Kapitalbildung meist nur auf den Mann zugeschnitten. Die so angesparte Rente soll dann natürlich für beide reichen. „Frauen verlassen sich leider allzu oft darauf“, fasst die Expertin die Erfahrungen ihrer Kollegen zusammen, die pro Jahr mehr als 10.000 unabhängige Beratungen zu Geldanlage, Altersvorsorge, Immobilienfinanzierung und Versicherungen durchführen. „Problematisch ist dies dann, wenn es zur Trennung kommt.“ Dann haben Frauen häufig nur sehr niedrige Rentenansprüche, die auch durch den Versorgungsausgleich nicht maßgeblich erhöht werden. „Wichtig wäre hier, das Bewusstsein der Frauen, für diesen Missstand zu schärfen und ihnen zu vermitteln, dass sie mit mehr Selbstbewusstsein auch für ihre persönliche Absicherung sorgen sollen“, appelliert die Verbraucherschützerin an die Branche.

 

Ein gutes Beratungsgespräch ist individuell abgestimmt

Generell ist die Finanzbranche immer noch sehr männerdominiert. Daher werde in der Regel nicht auf die spezifischen Herausforderungen von Frauen bei der Geldanlage und privaten Altersvorsorge eingegangen, so Heise. Frauen gehen aber generell anders an die Geldanlage heran. Sie sind sicherheitsorientierter und erwarten in erster Linie sachliche Aufklärung. „Komplizierte Sachverhalte sollen verständlich erklärt werden – oft ein großes Manko bei männlichen Finanzberatern“, kritisiert die Verbraucherschützerin. Im Vordergrund bei klassischen Finanzanbietern steht weiterhin der Produktverkauf. „Dagegen möchten Frauen in erster Linie die Lösung der wirtschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit ihrer Lebenssituation und ihren Zielen.“ Oft hießt es, Frauen wollen anders angesprochen werden als Männer. Weniger „höher, schneller, weiter“, sie wollen in ihrer aktuellen Lebenssituation abgeholt werden. „Sie brauchen inhaltlich dann nicht unbedingt eine andere Beratung als Männer, sondern eine auf ihre individuellen Sparziele und Anlagepräferenzen abgestimmte Anlagestrategie“, sagt Niessen-Ruenzi. Dies sollte allerdings jedes gute Beratungsgespräch unabhängig vom Geschlecht des Kunden zum Ziel haben.

Bei vielen Frauen gibt es Lebensphasen, die sich deutlich von denen der Männer unterscheiden. Das sind beispielsweise Auszeiten zur Erziehung und Betreuung von Kindern, die Pflege von Angehörigen, die Rückkehr in den Beruf in Teilzeit, berufliche Veränderungen oder auch Trennung und Scheidung. Besondere finanzielle Herausforderungen bestehen für alleinerziehende Frauen. „Eine Lösung dieser Besonderheiten wäre, dass Frauen von Frauen beraten werden, da letztere unter anderem auch aus eigener Erfahrung ein besseres Gespür für die unterschiedlichen Lebenssituationen haben“, schlägt die Verbraucherschützerin vor. „Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Frauen zunächst überhaupt einmal angesprochen und als eigene Kundengruppe wahrgenommen werden“, sagt Niessen-Ruenzi. Studien hätten gezeigt, dass es hilfreich sei, wenn sich Berater und die zu beratende Person möglichst ähnlich sind. „Daraus könnte man ableiten, dass Frauen eher von weiblichen Beraterinnen angesprochen werden sollten“, sagt die Expertin.

Spezielle Produkte für Frauen braucht es aber nicht, da sind sich die Expertinnen einig. „Die Gesetze der Kapitalmärkte gelten für alle Investoren unabhängig ihres Geschlechts gleich“, sagt Niessen-Ruenzi. „Wir brauchen also keine rosafarbene Aktie.“ Auch Barghoorn ist überzeugt, dass Frauen und Männer die gleichen Bedürfnisse haben. Nämlich im anhaltenden Niedrigzinsumfeld auskömmliche Renditen zu erzielen. „Aber ja, ich bin überzeugt davon, dass Frauen anders angesprochen werden möchten als Männer“, sagt die Fidelity-Expertin. Eine Erkenntnis, die sich in der Branche immer weiter durchsetzt - nicht nur bei Frauen.