Wie korrupt ist die deutsche Wirtschaft?

18 Prozent der deutschen Unternehmen gaben an, dass innerhalb der vergangenen zwei Jahre ein relevanter Betrugsfall im eigenen Unternehmen bekannt wurde.

Compliance spielt für einen Großteil der deutschen Unternehmen eine immer wichtigere Rolle und dennoch werden immer mehr Korruptionsfälle bei deutschen Unternehmen aufgedeckt. Bereits in der Vergangenheit zeigt der Abgasskandal bei Volkswagen sowie bei anderen Automobilherstellern für Misstrauen bei der Bevölkerung. Doch auch andere Branchen offenbaren vermehrt Korruptionsfälle sowie Regelverletzungen.


Umfrage bei Managern deutet auf steigende Verbreitung von Korruption

Bereits der Skandal um gefälschte Abgaswerte, der bei Volkswagen und anderen Automobilherstellern die Schlagzeilen bestimmt, deutet den Trend zur steigenden Korruption an. Zudem verdeutlichen auch die Schlagzeilen in anderen Branchen, dass Korruption ein permanent steigendes Thema für Unternehmen ist. Die Unternehmensberatung EY.Pro Land führte eine Umfrage durch, in dessen Rahmen 2.550 Firmen in 55 verschiedenen Ländern befragt. Im Durchschnitt wurden rund 50 Unternehmen pro Land um eine Einschätzung der aktuellen Situation beim Thema Korruption und Betrug gebeten. Einige der Ergebnisse waren grundsätzlich bekannt, wohingegen andere Ergebnisse eher eine überraschende Wirkung besitzen. Im Rahmen der Befragung wurden die Manager gebeten, korrupte Methoden im Geschäftsalltag zu bewerten. Insbesondere in Brasilien ist dies ein konventionelles Vorgehen, denn 96 Prozent der Befragten bestätigten diesen Umstand. Auch in Italien ist das Korruptionslevel mit 68 Prozent besonders hoch. In Deutschland sehen die Manager dahingegen Korruption als Bestandteil des Alltagsgeschäfts als ausgeschlossen an.

Diese Einschätzung der Unternehmen ist insbesondere unter Berücksichtigung der bekanntgewordenen Korruptionsfälle überraschend. 18 Prozent der deutschen Unternehmen gaben an, dass innerhalb der vergangenen zwei Jahre ein relevanter Betrugsfall im eigenen Unternehmen bekannt wurde. Unter Berücksichtigung der identischen Studie, welche lediglich zwei Jahre zuvor durchgeführt wurde, ist ein signifikanter Anstieg zu verzeichnen. Zum damaligen Zeitpunkt gaben lediglich 14 Prozent der Unternehmen an, dass ein Korruptionsfall bekannt wurde. Somit entspricht diese Entwicklung einem Anstieg von mehr als 25 Prozent. Insgesamt liegt Deutschland somit knapp hinter Russland, wo 20 Prozent der Befragten einen Betrugsfall im eigenen Unternehmen bekannt gaben.


Aktuelles Korruptions-Niveau ist kein Problem

Etwas differenziert muss dahingegen die Meinung der deutschen Manager betrachtet werden, denn diese geben an, dass korrupte Methoden in Deutschland keine relevante Rolle spielen. Der Umstand, dass die Korruptions- und Betrugsfälle massiv gestiegen sind, steht dieser Aussage klar gegenüber. Für deutsche Firmen ist Korruption dementsprechend kein relevantes Problem. In Russland gaben dahingegen 28 Prozent der befragten Unternehmen an, dass korrupte Methode im Geschäftsalltag normal seien. Insbesondere in Italien und Brasilien sehen die Manager ein grundlegendes Problem. Auch in Japan sehen zwölf Prozent der Manager ein Korruptionsproblem.

Laut Stefan Heißner, dem Leiter des Bereichs, der sich mit Korruption bei deutschen Unternehmen befasst, sei die vergleichsweise hohe Anzahl von Korruptionsfällen bei deutschen Unternehmen jedoch kein Zeichen für ein hohes Kriminalitätsniveau. Vielmehr zeigt diese Zahl, dass Systeme zur Aufdeckung und Verfolgung dieser Fälle wirksam sind. Insbesondere in Regionen, in denen diese Systeme effizient und effektiv arbeiten, werden mehr Betrugsfälle aufgezeigt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es mehr solcher Korruptionsfälle gibt. Anders sei dies jedoch in Russland oder Brasilien, denn dort werden lediglich wenige Fälle offiziell entdeckt. Dabei wissen die Manager jedoch, dass die dortige Wirtschaft von der Korruption lebt.

Doch auch deutsche Unternehmen würden auf Unterhaltungsdienstleistungen setzen, wenn es um die Vermeidung eines Wirtschaftsabschwungs geht. Hierbei handelt es sich etwa um Essenseinladungen, Sportveranstaltungen oder andere Events auf Kosten der Firma. Rund 16 Prozent der Befragten würden solche Mittel nutzen, um den Geschäftspartner zu beeinflussen. Dies ist vor allem in Ländern mit passiven Verhandlungsmethoden ein beliebter Ansatz. In Brasilien oder Russland ist dieser Ansatz dahingegen weniger erfolgversprechend, da hier direkte Verhandlungsmethoden bevorzugt werden.


Kaum Strafen für Topmanager

Laut Heißner sei die Situation dennoch zu kritisieren, denn das generelle Interesse gegenüber Betrugsfällen ist vergleichsweise gering. Besonders geschützt sind Topmanager, die insbesondere im Rahmen umfassender Betrugsfälle selten sanktioniert werden. Zudem dauert es überdurchschnittlich lange, bis ein Betrugsfall Konsequenzen nach sich zieht. Lediglich wenn Medien und die Staatsanwaltschaft involviert werden, dann wird kein Stein auf dem anderen belassen. Ist dies der Fall, dann werden alle Kommunikationsdaten untersucht sowie entsprechende Dokumente analysiert. In China, Russland oder Brasilien sei dies dahingegen kein typisches Vorgehen. Für deutsche Firmen bedeutet dies, dass die firmeninternen Kontrollen immer weiter ausgedehnt und effizienter gestaltet werden müssen. Insbesondere Mittelständler leiden unter diesem Umstand. Zudem müssen Dax-Konzerne hunderte Mitarbeiter mit der Beantwortung der entsprechenden Fragen beschäftigen.