Wie nachhaltig sind nachhaltige ETFs wirklich?
4 Min.
29.09.2021
Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Wie nachhaltig sind nachhaltige ETFs wirklich?

Gefühlt kommen wöchentlich neue börsengehandelte Indexfonds mit dem Stempel ESG auf den Markt. Einige ETF-Emittenten stellen weite Teile ihrer Produktpalette entsprechend um. Doch wie nachhaltig sind die Produkte wirklich? Gibt es auch hier Mogelpackungen, Stichwort: Greenwashing? Experten stehen dem Trend zu immer mehr grünen ETFs zumindest kritisch gegenüber – CAPinside-Expertin Jessica Schwarzer mit einem Überblick.

ESG Screened, ESG Leaders, ESG Enhanced, Climate Change ESG oder SRI – und das sind nur die ESG-Indizes von MSCI. In den vergangenen Jahren kamen immer neue Alternativen dazu, hinter jeder steckt eine andere Strategie – und eine andere Definition von Nachhaltigkeit. Rund 280 ESG-ETFs sind laut der Ratingagentur Scope derzeit in Deutschland zum Vertrieb zugelassen. Allein iShares hat rund 50 verschiedene nachhaltige Indexfonds in der Produktpalette – Tendenz steigend. Das verwaltete Vermögen in all diesen ETFs liegt bei rund 150 Milliarden Euro. „So mancher ETF erscheint nachhaltiger als er eigentlich ist“, kritisiert Andreas Görler, Senior Wealth-Manager bei Wellinvest - Pruschke & Kalm. Er spricht gar von „Mogelpackungen“.

Wie nachhaltig die ETFs wirklich sind, sei „sehr unterschiedlich“, sagt auch Dirk Rathjen, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). Die meisten Aktien-ETFs werden auf Nachhaltigkeits-Indizes von MSCI begeben. „MSCI bietet für jede Region eine ganze Palette solcher Indizes an – für jeden Geschmack etwas“, ergänzt Anlageexperte. „Angefangen mit den ganz milden Indizes MSCI ESG Screened, die die Europäische Union als Greenwashing einstuft, über strengere Indizes – MSCI ESG – bei denen 25 Prozent der Aktien ausgeschlossen werden, bis hin zu den strengen MSCI SRI Indizes, bei denen 75 Prozent der Aktien ausgeschlossen werden, weil ihr ESG Score nicht hoch genug ist.“


Für jeden etwas

Den MSCI World gibt es deshalb in verschiedenen grünen Varianten. Der MSCI World ESG Screened Index beispielsweise schließt Waffen, Tabak und Kraftwerkskohle aus, Atomenergie hingegen aber nicht. Der MSCI World SRI wiederum ist mit den Ausschlusskritierien am restriktivsten: Waffen, Fracking, Atomenergie und Kohle, Pornografie, Alkohol, Tabak und Glücksspiel – alles verboten. Zudem müssen die Unternehmen Mindeststandards bei Umweltschutz, Sozialverträglichkeit und dem Umgang mit ihren Mitarbeitern erfüllen. Investoren sollten sich die ESG-Indizes genau anschauen, die Unterschiede sind teils enorm.

Auch Volker Weber sieht ESG-ETFs kritisch. „Da Nachhaltigkeit die drei Säulen aus ökonomischer, ökologischer und sozial-ethischer Nachhaltigkeit verkörpert, sollte auch dieser Dreiklang im Auswahlprozess des ETFs auftauchen“, mahnt der Vorstandsvorsitzende des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Es sollten klare Anforderungen an die Qualität formuliert sein und gegebenenfalls ein klares Prozedere definiert sein, wie eine Aktie in den ETF kommen kann, die eine qualitativ hohe Nachhaltigkeit verkörpert. Gleichzeitig sollte auch klar sein, wann eine Aktie aus dem ETF herausgenommen wird. „Es ist nicht ausreichend, ein paar vermeintliche Kriterien zu setzen“, sagt er.


Alles raus, was nicht passt

Viele Indizes arbeiten mit Ausschlüssen. Die meisten Ausschlüsse beziehen sich auf ethische Kriterien wie Investitionen in Tabak, Alkohol oder Waffen, die nichts mit den Themenbereichen Umwelt, Sozial oder Governance zu tun haben. Sie zählen in der EU-Definition nicht zu Nachhaltigkeit. „Will man das Gewissen der Anleger beruhigen, sind Ausschlüsse am einfachsten“, sagt Rathjen. Doch viel besser funktioniere „Best-in-Class“, wenn sich die Wirtschaft wirklich verändern solle. „Will man etwas für Umwelt und Soziales bewegen, muss man Unternehmen einen Anreiz geben, sich zu verändern, mehr Geld für Klimaschutz und besseren Umgang mit Menschen auszugeben.“ Das geht am effektivsten über die Aktienkurse, weil die Gehälter der Konzernvorstände an sie gekoppelt sind und die Großaktionäre typischerweise Fonds sind, deren Manager auf Kursgewinne angewiesen seien. „Best-in-Class bedeutet, Aktien vorbildlicher Unternehmen werden verstärkt nachgefragt, was zu Kursgewinnen führt, Aktien von wenig nachhaltigen Unternehmen werden verkauft – selbst wenn die Gewinne hoch sind“, so Rathjen. Dadurch sinken ihre Aktienkurse, was Vorstände und Aktionäre bewegt, die Unternehmen auf Nachhaltigkeitskurs zu bringen. „Best-in-Class ist für Anleger schwerer zu verstehen, aber ein Vielfaches effektiver“, ist der IVA-Vorstand überzeugt.

Vermögensverwalter Görler rät Anlegern, kritisch zu sein. „In der Regel arbeiten die Anbieter nach dem Best-in-Class-Ansatz oder mit einfachen Ausschlüssen“, sagt er. „Echte Nachhaltigkeit bieten diese ETFs daher nicht.“ Auch Weber reichen die beiden Ansätze bei den Indizes nicht aus. „Zumal gerade bei den Ausschlüssen zwischen relativen und absoluten Ausschlüssen zu unterscheiden ist“, sagt er. Gerade bei Ausschlüssen wie Menschenrechtsverletzungen, Kernkraft, ausbeuterische Kinderarbeit, Streumunition dürfe es keine Toleranzgrenzen geben, diese Ausschlusskriterien müssten absolut sein. Von geswapten ESG-ETFs hält der FNG-Vorstand übrigens nichts, denn sie würden dem Nachhaltigkeitsgedanken widersprechen. „Überprüft man die Erfahrung der Swap-Partner im Nachhaltigkeitsbereich, so stellt man fest, dass hier in der Regel kein Know-how vorhanden ist“, sagt er. „Es sind nur Partner, auf die wegen deren Swap-Expertise zurückgegriffen wird.“ Auch Rathjen würde direkt replizierende ETFs bevorzugen.


Nachhaltigkeit? Auch passiv möglich

Dass Nachhaltigkeit vor allem ein Thema für aktives Fondsmanagement ist, findet Rathjen nicht. „Ein aktiver Manager wählt Titel danach aus, ob sie nachhaltig sind und nach attraktivem Rendite-Risikoverhältnis“, sagt der IVA-Vorstand. Ein ETF-Manager wählt danach aus, ob die Titel im Index sind – wofür Nachhaltigkeit eine Voraussetzung ist. „Die Qualität der Nachhaltigkeit hängt von der Qualität des verwendeten ESG-Ratings ab und davon wie konsequent es angewendet wird.“

FNG-Vorstand Weber sieht deutliche Vorteile beim aktiven Fondsmanagement. Es könne aufgrund der vorhandenen Prozesse schneller und einfacher reagieren. Auch Wealth-Manager Görler zieht aktive Investments vor, weil ihm vor allem die Selektionskriterien Engagement, Impact-Investing und Stimmrechtsausübung wichtig sind. „Außerdem kann ich hier direkten Kontakt zum Fondsmanagement erhalten und mich über den Investitionsansatz oder Portfolioveränderungen informieren“, ergänzt er. „Außerdem ziehe ich Fondsgesellschaften vor, die über einen Nachhaltigkeitsbeirat verfügen, der noch eine zusätzliche Überprüfung des Anlageuniversums vornimmt und das vorhandene Portfolio überprüft.“ Ihm ist es wichtig, dass Unternehmen jederzeit aus dem Portfolio entfernt werden können, die gegen Nachhaltigkeitskriterien verstoßen und nicht erst zu einem festgelegten Anpassungstermin. Ganz verteufeln oder gar als Mogelpackungen brandmarken will Weber die ETFs aber nicht. Gerade für Anfänger im Bereich Nachhaltigkeit könne ein ETF ein Einstieg sein, um Erfahrungen zu sammeln. „Je mehr Erfahrung im Bereich Nachhaltigkeit auf Seiten des Investors vorhanden ist, desto wichtiger wird das Direktinvestment über den Fonds“, ist der Nachhaltigkeitsexperte überzeugt.

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