Wirecard: Der Kapitalmarkt schreibt interessante Geschichten

Der Aufstieg des Zahlungsdienstleisters Wirecard ist beispiellos. Doch nun steht das Unternehmen wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation im Fokus. Wie ist Wirecard eigentlich so erfolgreich geworden?

Es ist eine der interessantesten Geschichten, die der Kapitalmarkt schreiben kann. Ein 1999 unter dem Namen InfoGenie AG gegründeter ehemaliger Betreiber telefonischer Ratgeber-Hotlines, dessen Aktien seit Oktober 2000 im Börsensegment Neuer Markt gelistet waren und nach massiven Kursverlusten zum Pennystock wurden – und der Ende 2004 im Zuge einer außerordentlichen Hauptversammlung in Wire Card umbenannt wurde.

Heute ist die Wirecard AG im Dax notiert, erwirtschaftete 2017 rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz – nach vorläufigen Zahlen sollen es 2018 2,1 Milliarden Euro sein - hat aktuell knapp 5000 Mitarbeitern und wird von Markus Braun geführt. Der österreichischen Manager ist seit 2002 CEO des Technologieunternehmens und besitzt mehr als sieben Prozent der Wirecard-Aktien. Diese waren im September 2018 mehr als 1,6 Milliarden Euro wert.

Indes: Seitdem ist der Kurs der Aktie massiv eingebrochen: Von einem Allzeithoch von knapp 200 Euro pro Aktie am 5. September auf weit unter 100 Euro Anfang Februar; aktuell liegt der Kurs bei etwa 120 Euro. Innerhalb weniger Tage Anfang Februar verlor die Aktie mehr als 30 Prozent an Wert. In nur einer Stunde wurden rund fünfeinhalb Milliarden Euro Börsenwert vernichtet.

Was war passiert? Laut dem Wirecard-Vorstand: nichts. Tatsächlich aber hatte die renommierte Wirtschaftszeitung „Financial Times“ für den Absturz gesorgt. Ende Januar hatte die „Financial Times“ zunächst über mögliche Dokumentenfälschung und Geldwäsche durch einen Manager von Wirecard in Singapur berichtet und zwei Tage später gemeldet, dass die von Wirecard beauftragte Anwaltskanzlei Rajah & Tann Hinweise auf finanzielle Unregelmäßigkeiten entdeckt habe. Durch gefälschte Rechnungen und sogenanntes „Round-Tripping“ (Kreislauf von Geld besonders in Bezug auf Investitionen im In- und Ausland) sollen die Umsätze aufgebläht und so die Bücher manipuliert worden sein. Die „Financial Times“ hatte später nochmals nachgelegt und dafür laut Wirecard „hochvertrauliche“ Dokumente aus einem Compliance-Audit“ des Unternehmens verwendet.

Externe Untersuchung noch ohne Ergebnisse

Wirecard hat die Anschuldigungen mehrmals scharf zurückgewiesen, aber interne Untersuchungen wegen des (laut Wirecard unberechtigten) Vorwurfs wegen Compliance-Verstößen bejaht. In einer Mitteilung vom 8. Februar heißt es: „Weder die interne Untersuchung durch unsere Compliance-Abteilung hat eine Bestätigung für die erhobenen Vorwürfe gefunden, noch hat die externe Untersuchung durch Rajah & Tann bisher zu schlüssigen Feststellungen über kriminelles Fehlverhalten von Mitarbeitern oder Führungskräften geführt. Die Untersuchung durch Rajah & Tann steht kurz vor dem Abschluss und wir werden die Ergebnisse zu gegebener Zeit bekannt geben.“

Die deutsche Finanzaufsicht indes ist Wirecard im Rahmen des Absturzes beigesprungen und hat, von der Unschuld Wirecards überzeugt, ein Leerverkaufsverbot für die Aktien des Unternehmens erlassen. Das gab es in Deutschland noch nie. Die BaFin sagt, dass die „ungünstigen Entwicklungen“ rund um die Aktie von Wirecard „eine ernstzunehmende Bedrohung für das Marktvertrauen“ in Deutschland darstellen. Auch die europäische Marktaufsichtsbehörde Esma hatte dem Verbot zugestimmt. Durch die Wette auf Leerverkäufe hatten Investoren zuvor Millionen verdient.

Der Aufstieg von Wirecard ist beispiellos. Von 2004 bis 2017 ist der Umsatz um den Faktor 250 gestiegen, der Gewinn um das 4900-Fache – von 50.000 Euro auf knapp 260 Millionen. Das hat den Durchmarsch in den Dax beflügelt. Aber woran liegt das? Schließlich hat das Unternehmen im Jahr 2004 mit der Abrechnungslösung „Click2Play“ für Online-Spiele-Anbieter, Musik-Download-Plattformen und anderen Unternehmen begonnen.

Wirecard bietet heute Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen mobiles Bezahlen, eCommerce, Digitalisierung und Finanztechnologie an und gilt als Spezialist für den elektronischen Zahlungsverkehr, das Risikomanagement sowie die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten an. Kooperationen bestehen unter anderem mit VISA, Mastercard, American Express, Discover/Diners, JCB, Alipay, Apple Pay sowie China UnionPay. Die Tochtergesellschaft Wirecard Bank AG verfügt über eine deutsche Banklizenz und ist Mitglied im Bundesverband deutscher Banken sowie dessen Einlagensicherungsfonds. Die Bank bietet sämtliche typischen Services wie Bezahlsysteme, Kontoführung, Karten, Corporate und Private Banking an.

Weltweite Kooperationen

Als Zahlungsdienstleister arbeitet Wirecard mit mehreren 100.000 Unternehmen zusammen, darunter bekannte Konzerne wie Orange Bank, KLM, Rakuten oder Telefónica. So gut wie jedes Jahr hat Wirecard Kooperationen geschmiedet beziehungsweise technische Innovationen eingeführt, woran sich das jeweilige Wachstum zumindest nachvollziehen, wenn nicht sogar ablesen lässt.

Einige Beispiele: Seit 2014 bietet das Unternehmen das sogenannte Checkout-Portal an, wodurch kleine und mittelständische Unternehmen und virtuelle Marktplätze verschiedene Zahlungsarten in ihre Online-Shops einbinden können. 2016 entwickelt Wirecard gemeinsam mit der WMF-Group eine Mobile App, die Einkäufe im Laden und Onlinehandel verknüpft. Und vergangenes Jahr hat Wirecard mit der Unit Crédit Agricole Payment Services (CAPS) der französischen Großbank Crédit Agricole eine Zusammenarbeit für den digitalen Zahlungsverkehr vereinbart und in Zusammenarbeit mit der Mizuho Financial Group, eines der größten Finanzdienstleistungsunternehmen der Welt, für Firmenkunden von Mizuho Kartenakzeptanz- und Kartenausgabedienste in Asien eingeführt.

Auch die Aktionärsstruktur belegt die rasante Entwicklung des Technologieunternehmens. Bekannte Beteiligungsgesellschaften wie Blackrock, Artisan Partners, Jupiter Funds oder auch die Citigroup halten zusammen mehr als 20 Prozent der Anteile an Wirecard, während ein Großteil der Analysten die Aktie zuletzt regelmäßig mit einer Kaufempfehlung ausgestattet hat – auch in der heftigen Schwächephasen. Es sieht also nicht so aus, als würde sich die Entwicklung der Wirecard-Aktie auf Dauer massiv abschwächen. Nichtsdestotrotz gilt es, die Aktie im Blick zu behalten und sich auch rechts und links die Märkte und Themen anzuschauen. Das verhindert ein böses Erwachen. Eine blinde Trendfolge war noch nie ratsam.