Wirecard - Der schmale Grad beim DAX Neuling

Wirecard macht die Erfolgsstory perfekt: Das deutsche Start-Up schafft nach 10 Jahren den Sprung in den DAX. Doch gerade jetzt ist "der Zweifel dein bester Freund"...

Kaum ein Unternehmen in Deutschland ist bei Investoren, in der Öffentlichkeit und den Medien so umstritten wie Wirecard.

Auch wir wurden seit Start des Digital Leaders Fund immer wieder mit der Frage konfrontiert, was wir von Wirecard halten.

Im Rahmen unserer Payment-Reihe widmen wir diesem wundersam wachsenden Unternehmen aus Aschheim einen separaten Beitrag.

In unserem Artikel zum Payment-Markt letzte Woche haben wir die zahlreichen Spieler in diesem Markt unterteilt in Banken, Kreditkartenunternehmen, Aquirerer/PSPs und die Gruppe der digitalen Herausforderer.

 

Wirecard - Das Unternehmen

Wirecard mischt überall mit: Es stellt selber Kreditkarten aus, agiert als technischer Zahlungsabwickler für Banken, akquiriert kleine und große Händler weltweit, prozessiert Zahlungen und hat mit Boon sehr früh ein virtuelles Konto für mobiles und kontaktloses Payment entwickelt.

Durch die Boon App von Wirecard wird mobiles und kontaktloses Payement möglich

Durch die Boon App von Wirecard wird mobiles und kontaktloses Payement möglich

In den letzten Jahren hat das Unternehmen durch Innovationen und geschickte Akquisitionen verstanden, eine ernstzunehmende “online first” Paymentplattform aufzubauen.

Lange Zeit wurde das Unternehmen von Investoren und Analysten eher ignoriert.

Mittlerweile bewerten auch Goldman, UBS und Co. die Wirecard Aktie und fast alle sind bullish mit Kurszielen meist jenseits der 200 Euro.

Auch große Unternehmen haben offensichtlich keine Berührungsängste mehr mit Wirecard.

Dieses Jahr konnten unter Anderem Namen wie Google Pay, Ikea (Malaysia), SAP oder FedEx (Indien) für eine Kooperation gewonnen werden.

 

Attraktive Bewertung

Das Wachstum des Unternehmens ist beeindruckend.

Das Transaktionsvolumen wuchs im ersten Halbjahr dieses Jahres 48,5 Prozent auf 56,2 Milliarden Euro, der Umsatz um 45,8 Prozent auf 897 Millionen Euro.

Ein großer Anteil davon ist allerdings zugekauft. Organisch betrug das Wachstum 26,2 beziehungsweise 25,3 Prozent.

Damit steigert Wirecard den Umsatz seit drei Quartalen hintereinander mit über 25 Prozent. Und bei dem aktuellen Dealflow (z.B. Credit Agricole und Mizuho Bank) sollte das weiter anhalten.

Die EBITDA-Marge liegt derzeit bei über 27 Prozent. Das Unternehmen ist optimistisch, diese sogar noch weiter verbessern zu können.

Sollte das eintreten, wäre Wirecard gegenüber traditionellen und auch neuen Anbietern attraktiv bewertet.

 

Der Haken bei Wirecard

Die Ursprünge des Unternehmens als Zahlungsdienstleister für Porno- und Glücksspielseiten sind häufig ein Thema.

Jedoch gehen viele Innovationen in der Digitalisierung auf Erotik, Glücksspiel, Gaming und auf die Rüstungsindustrie zurück.

Auch über vermeintliche Bilanztricks und dass der CEO darüber die Käufe seiner 7 Prozent Anteile an Wirecard finanziert hat (im Wert von 70 Millionen Euro, die heute knapp 1,6 Milliarden Wert sind), wollen wir an dieser Stelle nicht spekulieren.

Bedenklicher finde ich die Zahlungsströme im Kontext mancher Übernahmen, insbesondere die Übernahme der Great Indian Retail Group (sehen Sie auch hierzu die Wirtschaftswoche und das Manager Magazin).

Ohne hier auf die Einzelheiten einzugehen, sind wir davon überzeugt, dass Wirecard mit dem Einzug in den DAX einem verstärkten Stresstest in Sachen Transparenz unterzogen wird.

Da bei den Anlegern bezüglich Wirecard aktuell die Sorglosigkeit überwiegt, drohen hier eher negative Überraschungen.

 

Wirecard als Margenwunder

So richtig staunen muss man allerdings beim Blick auf die Margen des Unternehmens.

Während die Take Rate bei etwa 160 Basispunkten liegt (bei Paypal und Adyen 270 beziehungsweise 22 Basispunkte), erwirtschaftet Wirecard derzeit eine höhere EBITDA-Marge als Paypal und eine viermal so hohe Marge wie Adyen (sehen Sie hierzu auch die großartige Analyse in Finanz-Szene.de).

Während Paypal ein extrem großes und lukratives B2C-Business betreibt, ist das Geschäft mit Endkunden bei Wirecard vernachlässigbar.

Die eigenen Verlautbarungen, dass Boon „die am schnellsten wachsende Mobile-Payment-Lösung in Europa“ sei, können wir beim Blick auf die Downloadzahlen der App sowie der Traffic-Daten nicht nachvollziehen.

Außerhalb Deutschlands ist der Service kaum relevant. Auch die Beiträge aus Issuing und dem Prepaidkarten-Geschäft sollten vernachlässigbar sein.

 

Trotz kontaktlosem Zahlen auch per Smart-Watch: Downloadzahlen von Boon sind eher schwach

Bisher hat Wirecard nicht überzeugend darstellen können, über welche Mehrwert-Dienstleistungen die Margen so deutlich besser ausfallen als bei der Konkurrenz.

 

Im Fokus der Regulatoren

Interessant finden wir, dass Regulatoren in Europa nun genauer untersuchen, inwiefern die Interbankengebühren-Verordnung, die seit 2016 in Kraft getreten ist, auch kleinen Händlern und Verbrauchern genutzt hat.

Mit der Verordnung wurde die maximale Gebühr für Banken bei Kreditkartentransaktionen bei 0,3 Prozent bei Kreditkarten (0,2 bei Debitkarten) gekappt.

Die Ersparnisse von über 1,3 Prozent sollten Händlern und Verbrauchern zugute kommen.

Zumindest die Aufsichtsbehörde in Großbritannien hat massive Bedenken daran, dass der Wettbewerb im Aquiring-Markt im Interesse auch der kleineren und mittelgroßen Unternehmen funktioniert.

Der Kritik von Hannah Nixon, General Manager Payment System Regulator, wohnt der unerhörte Verdacht inne, dass Aquirer wie Wirecard und Worldpay diese Gebührenersparnis im “long tale”, also bei den kleinen Massenkunden, einfach nicht weitergereicht haben (sehen Sie hierzu die Financial Times).

Sollte das wirklich zutreffen, dann wäre zwar das Margenrätsel gelöst, aber die Konsequenzen für Wirecard unschön.

 

Fazit

Wir hätten auch gerne in Wirecard investiert. Jedoch wirft das Unternehmen derzeit noch viele Fragen auf, die für uns unzureichend beantwortet sind.

Auch die vollmundigen Statements des Managements zur weiteren Geschäftsentwicklung des Unternehmens finden wir irritierend. Es geht auch eine Spur bescheidener.

Das Unternehmen ist ein Payment-Konglomerat, das so schnell wachsen will wie Adyen, Square und Stripe und Margen erwirtschaften möchte jenseits von Paypal.

Wir gehen davon aus, dass Wirecard die beeindruckenden Margen nicht dauerhaft halten wird.

Der scharfe Wettbewerb und das regulative Umfeld sprechen dagegen. Als langfristige Investoren hören wir da lieber auf Marcel Proust:

„Der Zweifel ist dein bester Freund.“

Wir sind davon überzeugt, dass der Payment-Markt eines der vielversprechendsten Segmente für Investoren in den nächsten Jahren ist.

Daher haben wir mit Investitionen in Mastercard, Paypal, Alibaba und Tencent gleich vier Unternehmen im Portfolio des DLF, die vom Trend zum bargeldlosen Bezahlen profitieren sollten.

Übrigens: Über ein weiteres Unternehmen in diesem Umfeld werden wir in Kürze in unserem Newsletter berichten. Diesen können Sie jetzt hier abonnieren.

 

 

Die auf dieser Website dargestellten Informationen stellen keine Anlageempfehlung bzw. Anlageberatung oder eine Steuerberatung bzw. Rechtsberatung dar und können daher eine einzelfallorientierte Beratung nicht ersetzen. Mit dieser Darstellung geht kein Angebot und keine Aufforderung zum Kauf von Investmentfondsanteilen einher. Hinweise zu Chancen und Risiken entnehmen Sie bitte dem aktuellen Verkaufsprospekt. Verbindliche Grundlage für den Kauf eines Fonds sind die wesentlichen Anlegerinformationen (KIID), der jeweils gültige Verkaufsprospekt mit den Vertragsbedingungen.