Wolfgang Reitzles größte Niederlage

Die Mega-Fusion zwischen Praxair und Linde stellte für Wolfgang Reitzle eine Krönung des persönlichen Lebenswerks dar. Diese geplante Übernahme könnte nun aufgrund strengerer Auflagen durch die Federal Trade Commission scheitern.

Die Praxair-Linde-Fusion war eines der größten Themen des vergangenen Börsenjahres. Prägende Person der Fusion und geplanter CEO des neuen Konzerns ist der aktuelle Praxair-Chef Steve Angel. Angel gilt in Danbury, Connecticut, als Marschvorgeber. Demnach sind Vorhaben, welche Angel sich in den Kopf setzt, bereits entschieden und ein Abweichen von dem gesetzten Ziel steht nicht mehr zur Diskussion. Die neusten Entwicklungen lassen jedoch erahnen, dass der Zusammenschluss der beiden Unternehmen auf eine harte Probe gestellt wird. Dies liegt insbesondere an den schärferen Auflagen, welche die Federal Trade Commission, die US-amerikanische Kartellbehörde, definiert hat. 

Basierend auf diesen Auflagen müssten beide Unternehmen wohl mehr Geschäftsbereiche als bisher erwartet veräußern. Zum aktuellen Zeitpunkt standen Bereiche mit einem Umsatzvolumen von 3,7 Milliarden Euro im Raum. Nun könnte dieser Bestandteil der Fusionsvereinbarung jedoch zerfallen. Grundsätzlich haben beide Unternehmen die Chance dieses Limit zu überschreiten, doch der Praxair-CEO hat bereits in einem frühen Stadium der Verhandlungen signalisiert, dass es sich hierbei um eine Obergrenze handelt. Dies liegt vor allem an den erwarteten Entwicklungen für das Management und die Aktionäre.


Reitzle wird für Zusammenschluss kämpfen

Anders sehen die Interessen von Wolfgang Reitzle aus. Der aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende war langjähriger Vorstandsvorsitzender beim Münchener Konzern und wird für den abgeschlossenen Deal kämpfen. Insbesondere der zweite Verhandlungsanlauf lässt sich auf seine Aktivitäten zurückführen. Zuvor scheiterte der damalige Linde-Vorstand Wolfgang Büchele an der Übernahme. Um ein solches Scheitern im zweiten Anlauf zu verhindern, holte der Aufsichtsratsvorsitzende den ehemaligen Linde-Vorstand Aldo Belloni aus dem Ruhestand zurück und installierte ihn als Vorstandsvorsitzenden. 

Aus diesem Grund lässt sich die geplante Fusion, welche ein Volumen von rund 65 Milliarden Euro besitzt, auf den Linde-Aufsichtsratsvorsitzenden zurückführen. Um die bestehenden Widerstände zu beseitigen, wurden umfassende Werbeaktionen bei Aktionären, Gewerkschaften und Aufsichtsräten durchgeführt. Vor rund einem Jahr konnte Linde schlussendlich Vollzug melden. Demnach haben sich die beiden Unternehmen auf eine Fusion geeinigt. 

Doch dieses Szenario könnte nun vorbei sein, denn der „Car guy“ und amtierende Aufsichtsratsvorsitzende, der in seiner Karriere zahlreiche Erfolge feiern und auch den Linde-Börsenwert verzehnfachen konnte, steht vor der wohl größten Niederlage seiner Karriere. Insbesondere unter Anbetracht der verzeichneten Erfolge kann festgehalten werden, dass der Manager nicht mit Misserfolgen umgehen kann. So sorgte beispielsweise die Ernennung von Bernd Pischetsrieder zum Vorstandsvorsitzenden bei der BMW AG für einen Schock. Aus diesem Grund wird der mittlerweile 69-Jährige Manager alles versuchen, um die geplante Fusion mit Praxair zu vollziehen. 

Aus diesem Grund werden wohl intensive Gespräche mit den US-Behörden und den US-Kollegen geführt werden. Etwas überraschend ist diese Entwicklung dennoch, denn viele Kartellbehörden haben den geplanten Zusammenschluss bereits bewilligt. Zum Ende August wollen auch die EU-Kartellbehörden aus Brüssel eine Entscheidung verkünden. Für viele Experten steht bereits fest, dass die EU-Behörden den Deal genehmigt hätten. Die Deadline für Vorlage sämtlicher Unterlagen ist der 24. Oktober. Zu diesem Stichtag müssen sämtliche Genehmigungen vorliegen, da ansonsten der Deal platzen wird.