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Patrick PetersEmerging Markets3 MIN LESEDAUER05.11.2018

Brasilien: Reformen sollen die Wirtschaft ankurbeln

Trotz radikaler Tendenzen ist der frisch gewählte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro bei der internationalen Wirtschaft beliebt. Der Leitindex des Landes hat in kurzer Zeit stark zugelegt, und auch passive Investments auf brasilianische Werte haben sich sehr stark im vergangenen Monat entwickelt.

Mit Jair Bolsonaro hat ein Kandidat den brasilianischen Präsidentenpalast Palácio da Alvorada erobert, der sich weit rechts im politischen Spektrum positioniert hat. Der 63-jährige ehemalige Fallschirmspringer ist Anhänger der Militärdiktatur und hat sich mit rund 56 Prozent der Stimmen gegen den linksgerichteten Kandidaten Fernando Haddad von der Arbeiterpartei durchgesetzt. Bolsonaro wird vorgeworfen, sich unter anderem frauenfeindlich und homophob geäußert zu haben – aber seine recht unangefochtene Wahl basiert vor allem auf einer herben Enttäuschung der Brasilianer mit der Vorgängerregierung, die vor allem mit Korruption und einem erheblichen Rückgang der öffentlichen Sicherheit in Verbindung gebracht wird. Und: Die Brasilianer gelten weithin als konservativ. Dass in den vergangenen Jahren Regierungen links der Mitte geherrscht haben, ist kein Indikator für einen generellen Linksdrall in dem größten südamerikanischen Land, das zugleich die neungrößte Volkswirtschaft der Welt ist.

So groß die Kritik aus vielen Ländern an Jair Bolsonaro und dessen rigiden Ansichten und Äußerungen ist: So beliebt ist der kommende Präsident auch bei der Wirtschaft Brasiliens und internationalen Investoren. Schließlich hat sich Bolsonaro klar für Reformen ausgesprochen und will die Wirtschaft stark fördern. Als Wirtschaftsminister beispielsweise gilt der an der einflussreichen Universität Chicago ausgebildete Volkswirt Paulo Guedes für gesetzt. Der Ökonom und Mitbegründer der Investmentbank BTG Pactual will sich, wie direkt nach seiner Aufstellung bekannt wurde, für die Rentenreform, niedrigere Zinszahlungen und einen verschlankten, effizienten Staat stark machen.

„Die Reform des Pensionswesens ist das wichtigste und dringendste Thema“, sagte Paolo Guedes vor wenigen Tagen. Das scheint auch dringend nötig: Das brasilianische Rentensystem ist hochgradig defizitär. Bereits jetzt fließen 40 Prozent des Bundeshaushalts in Pensionszahlungen. Das Problem wird sich angesichts der alternden Gesellschaft noch weiter verschärfen. Im internationalen Vergleich ist das Rentenwesen sehr großzügig. So gehen Männer im Durchschnitt mit 56 Jahren in Rente, bei 70 Prozent oder mehr ihrer letzten Bezüge.

Die Beliebtheit Bolsonaros in der Wirtschaft hat sich sogleich in der Entwicklung des brasilianischen Leitindex Bovespa niedergeschlagen. Seit der ersten Wahlrunde hat der Index mehr als zehn Prozent gewonnen, und weiterhin kennt der Bovespa nur eine Richtung: nach oben. Zu der Rallye hatte der Index bereits angesetzt, als die Umfrageergebnisse auf einen wahrscheinlichen Wahlsieg Bolsonaros hindeuteten. Damit hat der Bovespa seit Mitte Juni rund 25 Prozent gewonnen. Brasilien hat sich nach zwei wirtschaftlich schlechten Jahren zuletzt berappelt. Für 2018 erwarten Analysten die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von rund 2,25 Prozent nach knapp ein Prozent im vergangenen Jahr und massiven Rückgängen 2015 und 2016.

Im Übrigen messen Wirtschaftsvertreter der tendenziell extremistischen Haltung Jair Bolsonaros keine allzu große Bedeutung dar. „Die Demokratie muss einen Kandidaten wie Bolsonaro aushalten“, wird Martin Duisberg, Vize-Präsident der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer in São Paulo und Vertreter der DZ Bank, im „Handelsblatt“ zitiert. Im gleichen Artikel sieht Edson Franco, Chef der Zurich Insurance Group in São Paulo, es als eine Stärke der brasilianischen Demokratie an, dass der politische Richtungswechsel durch Wahlen herbeigeführt wird. „Brasiliens Demokratie wird mittelfristig gestärkt aus diesen Wahlen hervorgehen.“

Bolsonaro hat bereits die ersten Schritte dazu ergriffen, Brasiliens Wirtschaft und dementsprechend den Kapitalmarkt zu stabilisieren. So besteht schon jetzt ein gutes Verhältnis zum US-Präsidenten Donald Trump, sodass erwartet wird, dass sich der Handel zwischen Brasilien und den USA verbessern könnte. Zuletzt bestand die Gefahr, dass der US-Protektionismus Brasilien hart treffen könnte – im Rahmen der Schutzzölle-Diskussion hatten die nationalen Stahlkonzerne CSN, Usiminas und Gerdau sowie der Eisenerzkonzern Vale hohe Kursverluste hinnehmen mussten. Immerhin geht ein Drittel der brasilianischen Stahlproduktion in die USA.

Ein konkretes Beispiel: Die Aktie von Usiminas (3,2 Milliarden US-Dollar Umsatz) hat seit der erfolgreichen Vorwahl Bolsonaros rund 20 Prozent zugelegt und liegt damit bereits höher als vor einem Jahr. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich die Aktie wieder ihrem diesjährigen Höchststand von knapp drei Euro annähert.

Dass Bolsonaro und Trump sich gut verstehen, könnte grundsätzlich daneben helfen, den Nord-Süd-Handel anzukurbeln und die Investitionen zu steigern. Insgesamt mag dies dazu führen, dass Millionen von formalen Arbeitsplätzen geschaffen werden, mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Binnennachfrage.

Zugleich weist Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, auf bestimmte Risiken bei Brasilien-Engagements hin. Die Unsicherheit über die Machbarkeit von Jair Bolsonaros Wahlversprechen könnte zu einer Abwertung des Brasilianischen Real (BRL) führen. Mit gleichzeitig steigenden Risikoprämien und höheren Zinssätzen durch das sinkende Vertrauen von Investoren werde in diesem ungünstigen Cocktail die Unternehmensverschuldung zum Problem. Automobilzulieferer und Unternehmen aus der Textilindustrie, dem Lebensmittel- und Energiesektor seien aufgrund der hohen Verschuldung mit erheblichen Risiken verbunden.

Um Risiken von Direktinvestments zu umgehen, können sich passive Engagements anbieten. Die Zahlen zeigen, dass sich dies lohnt. Der Lyxor ETF Brazil hat im vergangenen Monat mehr als 25 Prozent zugelegt, der iShares MSCI Brazil UCITS ETF USD seit Anfang Oktober rund 21,5 Prozent. Ebenso 25 Prozent hat der Xtrackers MSCI Brazil UCITS ETF kürzlich gewonnen. Das sind weitere deutliche Zeichen für einen positiven Einfluss des neuen Präsidenten. Unter den großen Emerging Markets könnte Brasilien dauerhaft wieder eine bedeutende Rolle einnehmen und für Investoren ein lukratives Betätigungsfeld bieten.