Ein Freitagmittag in Düsseldorf. Statt ins Büro zu laufen, steige ich in die Bahn. Mein Ziel: Willich. In der 50.000 Einwohner-Stadt sitzt die Firma meines Vaters. Als Jugendliche bin ich oft hergekommen. Meist mit meiner besten Freundin im Schlepptau. Umgeben von seinen Maschinen aßen wir zu Mittag. Hühnersuppe aus dem Topf.


Generation Y: Welche Werte bringen Millennials in die Arbeitswelt

Heute bin ich da, um mit ihm über meine Generation zu sprechen. Die Generation Y. Während wir das Wort YOLO (You only live once; Du lebst nur einmal) auf Instagram taggen, steht mein Vater jeden Morgen um fünf Uhr auf. Auch am Wochenende. Für ihn sind Ehrgeiz und Disziplin die wichtigsten Tugenden eines Menschen.

Wie immer bestens gelaunt umarmt er mich herzlich und zeigt mir seine neuen Maschinen. Mein Vater hat sich erst mit 47 Jahren selbstständig gemacht. Mit einer Drehbank, einer Bohrmaschine und einem Kunden. Sein Unternehmen ist für mich die Erinnerung daran, dass alles möglich ist. Es ist mein Nachhause kommen. Hier sind meine Wurzeln.


Papa, warum hast du dich eigentlich erst mit 47 selbstständig gemacht?

Das war Zufall und Glück. Ich war 20 Jahre in einem Handwerks-Unternehmen und beide Geschäftsführer wollten, dass ich den Meister mache. Durch diese Fortbildung konnte ich mich dann selbstständig machen.


Wie viel arbeitest du in der Woche?

Ich arbeite sechs bis sieben Tage die Woche. Am Anfang meiner Selbstständigkeit war ich 80 bis 100 Stunden in der Firma. Und jetzt arbeite ich so 70 bis 75 Stunden pro Woche.


Dein Beruf ist also dein Lebensinhalt?

Ja, ich habe meinen Beruf wirklich zu meinem Hobby gemacht.


Meine Generation verlangt vom Arbeitgeber dagegen immer mehr Freizeit.

Was für eine schwachsinnige Forderung. Ohne Fleiß kein Preis! Du musst erst über deinen Beruf das Geld verdienen, um deine Freizeit gestalten zu können.


Findest du meine Generation faul?

Ich würde nicht sagen, dass deine Generation faul ist. Du bist ehrgeizig und sehr fleißig. Du willst. Deine Schwester auch.


Die eigenen Töchter lobt man doch immer.

Nehmen wir deine Freundin Clara. Sie ist ein sehr gutes Beispiel. Obwohl ihrer Mutter das Unternehmen gehört, steht Clara jeden Morgen um sechs Uhr früh auf, auch wenn ihr mal am Abend feiert. Und wie viele Urlaubstage hatte sie letztes Jahr, Nena? Sechs, oder sieben? Oder deine Freundin Roxy: Schließt ihr Psychologiestudium mit erstklassigen Noten ab, obwohl sie am Wochenende im Krankenhaus arbeitet. Sie ist wirklich ein fleißiges Mädchen und wird viel im Leben erreichen.


Papa, das sind einzelne Beispiele!

Was willst du denn hören? Natürlich gibt es auch in eurer Generation faule Äpfel. Auch in deinem Bekanntenkreis ist nicht jeder super fleißig. Aber faule Menschen wird es immer geben. Die gab es auch schon früher.


Viele Professoren meinen wir seien verwöhnt und unfähig.

Ihr seid die am besten ausgebildete Generation aller Zeiten. Verwöhnt? Ja! Nicht nur in materieller Hinsicht. Ihr habt einfach so viele berufliche Möglichkeiten, die hatte ich nie.


Wärst du lieber etwas anderes geworden?

Ich bin mit 15 in die Lehre gegangen. Heute startet man viel später in den Beruf. Ich wusste damals noch nicht, was ich will und hatte einfach einen Glückstreffer. Und dann habe ich noch meinen Meister im Bereich Feinwerkmechanik gemacht. Und ja, es macht mir immer noch richtig viel Spaß.


Ich hätte mir nicht vorstellen können mit 15 Jahren zu arbeiten. Da ist man doch noch ein Kind.

Das hätte ich für dich auch nicht gewollt. Trotzdem war an meinem Weg nicht alles schlecht. Während ihr jahrelang überlegt, was ihr eigentlich wollt, habe ich einfach gemacht. Verstehst du, was ich meine? Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob es noch etwas Besseres gibt. Ich habe mich in meine Arbeit rein gesteigert, nicht nach links und rechts geschaut, sondern einfach gemacht.


Also zweifelt meine Generation zu viel?

Vielleicht. In meinem Alter arbeiten viele seit 30 Jahren für das selbe Unternehmen. Da seid ihr anders. Ihr wechselt häufiger und holt dabei vielleicht mehr aus eurem Leben raus.


Oft heißt es, meine Generation könne sich nicht unterordnen.

Ich bin stolz, dass meine beiden Mädchen keine Jasager sind. Du warst immer schon eine Rebellin. Das finde ich gut. Die meisten Menschen lästern, aber stehen nicht zu ihrer Meinung. Das finde ich ganz schlimm. Ich kann Mitläufer nicht leiden. Ja man kann sagen: Ich stehe auf Leute, die sich nicht unterordnen. Das hat gar nichts mit eurer Generation zu tun. Auch ich habe immer rebelliert und als Betriebsratsvorsitzender in meiner alten Firma die Chefs auf die Palme gebracht. Es wird auch noch in 100 Jahren Jasager und Rebellen geben.


Wärst du lieber wie ich im Jahr 1992 geboren worden?

Nein, ich bin froh 1962 geboren zu sein. Man hat früher als Facharbeiter mehr Geld verdient. Wir konnten Überstunden machen. Mal gab es 25, mal 50, oder sogar 70 Prozent Zuschlag. Das ist heute kaum noch möglich. Viele Firmen haben Zeitkonten eingeführt und geben ihren Mitarbeitern nur einen Ausgleich in Freizeit, statt die Arbeit zu bezahlen.


Glaubst du, dass sich aufgrund solcher Trends auch immer weniger junge Menschen zum Beispiel eine eigene Wohnung leisten können?

Das mag ein Grund sein, aber vor allem gebt ihr viel mehr Geld aus als wir früher. Die materiellen Ziele haben sich gewandelt. Allein, was du für ein Geld ausgibst, Nena. Taxi hier, neues Kleid da – und gefühlt isst du jeden Abend im Restaurant. Ich kenne ja nur deinen Freundeskreis, aber ihr spart alle überhaupt nicht! Die Kunst, Verzicht zu üben, beherrscht ihr definitiv nicht.


Würdest du jungen Leute heute noch raten, Handwerker zu werden?

Nein. Das Lohngefüge im Handwerk stimmt nicht mehr. Als Junggeselle verdienst du nach der Lehre vielleicht 1.600 Euro netto. Wie willst du davon leben? Entweder Meister und Selbstständigkeit oder gar nichts.


Naja, 1.600 Euro netto sind jetzt nicht so wenig.

Wie bitte? Stell dir mal vor, du hast einen Mann und ein Kind und ihr drei habt für Miete, Strom, Essen, Versicherung und Vergnügen nur 2.000 Euro im Monat. Da will ich dich aber mal sehen.


Wie viel verdienst du so?

Genug. Über Geld spricht man nicht.


Wünschst du dir, dass jemand aus der Familie einmal deine Firma übernimmt?

Jederzeit, das ist mein größter Wunsch. Dann könnte ich noch mit über 80 ein paar Stunden in der Woche arbeiten. So werde ich mit 70 oder 75 verkaufen müssen. Und dann ist alles weg. Mein ganzes Lebenswerk verloren.


Danke für das Interview, Papa!

Autorin: Nena Schink
Dieser Artikel erschien zuerst bei orange by Handelsblatt.