Man kann nicht gerade behaupten, dass Family Offices eine Erfindung des 21. Jahrhunderts seien. Historisch gesehen gehen Family Offices bis ins sechste Jahrhundert zurück, als der Vogt für die Vermögensverwaltung des Königs zuständig war. Der damals geprägte Begriff des „stewardship“, also des Verwalteramtes, ist heute weiterhin gängig. Manche sehen auch in Jakob Fuggers Buchhaltung in der „Goldenen Schreibstube“ ab 1488 das erste Family Office der Welt – die fast 50 Quadratmeter große Schreibstube erhielt ihren Namen durch die goldenen Leisten, die an den Wänden des mit Ahornholz getäfelten Raumes angebracht waren. Das „Family Office“ als festes Konzept geht indes wohl auf die Vermogensverwalter der Familien von John D. Rockefeller und J.P. Morgan Ende des 19. Jahrhunderts in den USA zurück. Ihr Geschäft: die Verwaltung von Familienangelegenheiten vor allem, aber nicht ausschließlich in Geldfragen.

Damit lässt sich auch heute die Rolle des Family Office recht genau beschreiben. Die Definition des Verbandes unabhängiger Family Offices lautet: „Ein Family Office unterstützt eine Familie/einen Vermögensinhaber (Single Family Office) oder mehrere Familien/Vermögensinhaber (Multi Family Office) bei der ganzheitlichen Steuerung/Koordination des Managements ihres/seines Vermögens auf Grundlage einer langfristig ausgerichteten generationsübergreifenden Anlage- und Verwaltungsstrategie und im Bedarfsfalle einer Familienstrategie und Nachfolgeplanung. Das Family Office ist hinsichtlich seiner strategischen Beratung der Familie/des Vermögensinhabers ganzheitlich orientiert und ist daher in der Lage, Beratungs-, Kontroll- und Steuerungsfunktionen in allen Assetklassen wahrzunehmen.“

Steuerung des Vermögensmanagements, Erstellung, Durchsetzung und Weiterentwicklung einer langfristig orientierten Anlage- und Verwaltungsstrategie, Beratung in Fragen wie Familienstrategie und Nachfolgeplanung: Um diese Eckpunkte kreist die Tätigkeit eines Family Office, das sich vor allem an Hochvermögende richtet. Eine gängige Regel besagt, dass die Beauftragung eines Multi Family Office als Dienstleister für diese Fragestellungen ab 25 Millionen Euro Vermögen Sinn ergeben, die Errichtung eines Single Family Office, das ausschließlich die Interessen einer Familie vertritt, ab 300 Millionen Euro.

Für den deutschen Markt gehen Experten von bis zu 450 Single Family Offices aus und an die 100 Multi Family Offices beziehungsweise Anbieter von Family Office-Dienstleistungen. Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, dass rund 200 Milliarden Euro von den in Deutschland ansässigen Family-Offices verwaltet werden. Weltweit geht der „Family Office Guide“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY von 10.000 Family-Offices aus, die ein Vermögen von mehr als fünf Billionen US-Dollar betreuten.

Zu den Anbietern solcher Leistungen gehören oftmals auch Banken und Vermögensverwalter, die unter anderem bestimmte Fragestellungen die Vermögensstrukturierung und -planung betreffend als eine Art „Family Office“ für die Mandanten beantworten wollen, aber die eben keine eigenständigen Family Offices sind. Dabei weist der Verband unabhängiger Family Offices aber auf einen möglichen Interessenkonflikt hin. „Das Family Office ist einzig den Interessen der Familie/des Vermögensinhabers verpflichtet und ist daher unabhängig von wirtschaftlichen Interessen Dritter. Zur Vermeidung von Interessenkonflikten ist das Family Office nicht operativ auf den Feldern tätig, auf denen es im Rahmen einer Kontrollfunktion die Leistungen von für die Familie/den Vermögensinhaber mandatierten Leistungserbringern überwacht“. Dazu zählt der Verband beispielsweise die klassische Vermögensverwaltung und das Management eigener Fonds.

Auch Dr. Maximilian A. Werkmüller, Professor für Family Office-Management an der Allensbach Hochschule Konstanz und Herausgeber des interdisziplinären Sammelbandes „Family Office Management“ betont die Bedeutung der Unabhängigkeit. „Das Family Office hat eine übergeordnete Kontrollfunktion, weil die Hauptaufgabe im Vermögensschutz besteht, also in der sogenannten Asset Protection. Ein Anbieter von Vermögensverwaltungsleistungen kann sich aber nicht selbst kontrollieren. Daher sollten die Angebote und Dienstleistungen genau getrennt und je nach dem Grad der geforderten Unabhängigkeit abgerufen werden.“ Das heiße indes wiederum nicht, dass Banken und Vermögensverwalter sich nicht als Family Office-Dienstleister eigneten, ganz und gar nicht. Die Kompetenz in Finanzplanung, Vermögensstrukturierung etc. sei diesen Einheiten natürlich gegeben, ebenso die Möglichkeit, Ergebnisse in der Vermögensverwaltung zu kontrollieren und zu bewerten. „Es dürfen nur nicht die eigenen sein. Denn dann ist – nachvollziehbarerweise – keine unabhängige Meinung zu erwarten.“

Maximilian Werkmüller ist überzeugt, dass die Anzahl von Family Offices und entsprechenden Dienstleistungen in Deutschland weiterwachsen werden. Das liege zum einen daran, dass es immer mehr sehr vermögenden Familien und Privatpersonen gebe, etwa nach einem Unternehmensverkauf. Diese brauchten eine umfassende Betreuung in allen Vermögensangelegenheiten. Zum anderen seien Family Office-Dienstleistungen auch bei Topverdienern beliebt, die eine Kontrollinstanz für ihr wachsendes Vermögen suchten.