Erinnern Sie sich? „25 Prozent von X sind besser als 42 Prozent von nix.“ Mit diesem prägnanten Satz begründete der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück 2009 die Einführung der Abgeltungsteuer. Der Hintergrund seines Bonmots: Die Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent auf Kapitalerträge wurde 2009 eingeführt, um vermögende Anleger mit hohen persönlichen Einkommensteuersätzen aus Steuerparadiesen zurück nach Deutschland zu locken.

Die Abgeltungsteuer ist bekanntlich eine Quellensteuer, durch die der Steuerabzug bei der auszahlenden Stelle abgegolten ist und daher eine gesonderte Veranlagung des Leistungsempfängers überflüssig macht. Damit wird die Steuer automatisch abgeführt, auch bei Auslandseinkünften. Die Abgeltungsteuer fällt auf sämtliche Zinserträge, Renditen und Dividenden aus allen Kapitalanlagen an.

Vor der Einführung der Abgeltungssteuer wurden die zahlreichen möglichen Kapitaleinkünfte zum Teil sehr unterschiedlich versteuert, zum Beispiel über Kapitalertragssteuer und Zinsabschlagsteuer. Aus diesem Grund musste jeder Ertrag einzeln in der Steuererklärung angegeben werden. Konkret bedeutete das: Der Steuersatz betrug zuletzt 20 Prozent für Dividenden, 30 Prozent für Zinsen aus Kapitalanlagen und 35 Prozent für anonyme Tafelgeschäfte. Auf diese Beträge wurde jeweils noch der Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent erhoben.

 

Vorteil für Vermögende

Viele vermögende Steuerpflichtige erzielten und erzielen durch die Abgeltungsteuer einen Vorteil, weil ihr persönlicher durchschnittlicher Einkommensteuersatz höher ist als 25 Prozent – und holten auf Auslandskonten deponiertes Geld wieder nach Deutschland. Und wer einem niedrigeren Steuersatz als 25 Prozent unterliegt, kann sich nämlich über die Steuererklärung die Differenz zur Abgeltungsteuer erstatten lassen, sodass sie dann nur ihren normalen Steuersatz anstatt der 25 Prozent entrichten müssen.

Jetzt hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz die Abschaffung der Abgeltungsteuer von 25 Prozent auf Kapitalerträge noch in dieser Legislaturperiode angekündigt. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ lässt Scholz untersuchen, ob der derzeit gültige Steuersatz von 25 Prozent für alle Kapitalerträge wegfallen kann. Dann müssten nicht nur, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, Zinseinnahmen zum meist höheren persönlichen Steuersatz veranlagt werden, sondern auch Dividenden und andere Ausschüttungen. Damit will das Finanzministerium verhindern, dass die isolierte Abschaffung der Abgeltungsteuer ausschließlich für Zinsen eine neue Welle von Steuersparmodellen auslöst.

Das bedeutet konkret: „Sollte nach der Abschaffung der Abgeltungsteuer Kapitalerträge mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuert werden, würden vor allem Besserverdienende stärker damit belastet. Der höchste Steuersatz von 45 Prozent gilt ab einem Einkommen von 250.731 Euro, bei Ehepaaren ab 501.462 Euro. Bis zu dieser Grenze gilt der Steuersatz von 42 Prozent. Hohe Kapitalerträge können natürlich in Verbindung mit den übrigen Einkünften zu einer maßgeblichen Erhöhung der Steuerlast führen und auch zu einem Sprung im Steuersatz führen.

 

Auswirkungen frühzeitig berechnen

„Daher gilt es, sich vorab mit der drohenden Steuerlast zu befassen und zu berechnen, welche Auswirkungen der Wegfall der Abgeltungsteuer für die persönliche Besteuerung haben wird. Das gilt gerade bei hohen Kapitalerträgen“, sagt Steuerberater Jens Bormann aus der Kanzlei Beyel Janas Wiemann + Partner in Geldern und Kempen am Niederrhein.

Für Kapitalanleger stellt sich darüber hinaus die Frage, wie sie in Zukunft mit der Geldanlage hinsichtlich einer potenziell erhöhten Steuerlast umgehen können. „Es ist ja heute schon zum Teil schwierig, nach Gebühren, Inflation und Abgeltungsteuer noch ein Plus zu erwirtschaften. Wenn die Steuerlast für die Kapitalanlage sich beispielsweise von 25 auf 42 Prozent erhöht, wird der Renditedruck noch höher. Das wiederum führt fast automatisch zu mehr Risiken in den Portfolien, aber zugleich möglicherweise auch zu einem weiteren Rückgang in der strukturierten Geldanlage. Aktien sind heute schon für rund 90 Prozent der Deutschen unattraktiv. Mit steigenden Steuern wird sich das kaum ändern, im Gegenteil“, sagt der Neusser Vermögensverwalter Thilo Stadler von I.C.M. Independent Capital Management.

 

Depot unter die Lupe nehmen und eventuell umschichten

Er rät daher Anlegern dazu, frühzeitig ihre Depotstruktur zu überprüfen und bereits vor einer Neuregelungen Umstellungen vorzunehmen, um den Risiken einer höheren Besteuerung zu begegnen. Das kann beispielsweise in einer behutsamen Anpassung der Aktienquote resultieren, dem Verkauf von Anleihen, um Kursgewinne mitzunehmen und die Gelder anders zu allokieren, oder auch in der Veräußerung von Fondsanteilen, die möglicherweise zusätzlich noch einer hohen Investmentbesteuerung unterliegen.

„Damit können sich Anleger auf die Neuregelung vorbereiten und Vermögen schützen, damit es nicht in einem volatilen Niedrigzinsumfeld zusätzlich auch noch von der Steuer aufgezehrt wird“, betont Stadler. Wichtig sei hierbei aber, genau zu hinterfragen, wie die Depotänderungen am heutigen Tage besteuert würden. Denn durch die zahlreichen Anpassungen der vergangenen Jahre ist dies nicht immer offensichtlich. Die Kursgewinne aus vor 2009 angeschafften Aktien und Anleihen können aktuell steuerfrei realisiert werden, schon für Investmentfonds gelten hier aber andere Regelungen.