Nebenwerte gelten als echte Renditebringer und entwickeln sich langfristig sehr viel besser als Standardwerte. Deshalb sollte dieser Baustein auch in keinem Depot fehlen. Doch was macht die Börsenzwerge eigentlich so erfolgreich? „Der Erfolg der Nebenwerte liegt darin begründet, wie sie am Markt positioniert sind“, sagt Christian Kahler, Chefanlagestratege der DZ Bank. „Viele der Unternehmen weisen Charakteristika der sogenannten Hidden Champions, der ‚heimlichen‘ Weltmarktführer, auf.“ Das bedeutet, sie sind häufig in der Nische positioniert, bieten weltweit führende Produkte an und haben einen, oft durch eine Familie dominierten, Ankeraktionär. Zudem sind diese Unternehmen häufig sehr innovativ, wachsen durch technologischen Fortschritt und verfolgen sehr langfristige Ziele. 

Kein Wunder also, dass sich die Gewinne der kleineren Unternehmen in MDax und SDax deutlich dynamischer entwickeln als bei den Dax-Unternehmen. „Die hohen Gewinnwachstumsraten von 20 bis 40 Prozent erklären, warum Anleger auch bereit sind, eine Risikoprämie in Form einer höheren KGV-Bewertung für MDax, SDax und Co. zu zahlen“, ergänzt der DZ-Bank-Experte. Und das zahlt sich -langfristig aus. Denn die Nebenwerte in MDax und SDax legen eine deutliche bessere Rendite auf Parkett als die Dickschiffe im Dax. Während der Dax auf Sicht von zehn Jahren gut 170 Prozent zulegte, brachten es MDax und SDax auf ein Plus von 370 beziehungsweise 295 Prozent.

Kein deutsches Phänomen übrigens. „Die Performance von europäischen Nebenwerten zeigt, dass sich viele davon in den vergangenen Jahren deutlich besser entwickelt haben als große Standardwerte“, sagt Götz Albert, CIO der auf Nebenwerte spezialisierten Fondsgesellschaft Lupus alpha. „Das liegt vor allem am sogenannten Small Size Effect.“ Dieser Effekt beschreibt eine den Small und Mid Caps innewohnende Risikoprämie als Kompensation für ihre geringere Handelsliquidität sowie bestehende Informationsasymmetrien. Denn zu kleineren Unternehmen sind weniger Informationen öffentlich verfügbar und sie werden oft nur von wenigen, manchmal sogar keinem Aktienanalysten untersucht. „Dies führt gegenüber hochliquiden Large Caps zu systematisch höheren Renditen“, so Albert. Außerdem würden Nebenwerte aber auch über diese Prämie hinaus eine deutlich stärkere Performance als Large Caps zeigen. Wie immer an den Finanzmärkten ist diese Überrendite mit einem erhöhten Risiko verbunden. „Es sind auch unternehmerische Risiken, da diese Unternehmen beispielsweise weniger breit aufgestellt sind als große Unternehmen, was Länder-, Währungs- und Produktdiversifikation angeht,“ ergänzt Barbara Claus, Analystin bei Morningstar. Auch sei ihr Zugang zum Kapitalmarkt schwieriger als bei großen Unternehmen. 

Die kleineren Unternehmen konnten sich in den vergangenen Jahren insbesondere in Aufschwungsphasen sowie in Marktphasen, in denen die Euphorie überwiegt und Investoren bereit sind, mehr Risiko zu tragen, besser entwickeln als die großen Firmen. „Auffällig bei den kleineren Werten ist allerdings auch die größere Schwankungsbreite der Unternehmensgewinne, was sich besonders in Krisenzeiten zeigt“, sagt Kahler. Das heißt aber nicht, dass die kleinere Unternehmen grundsätzlich stärkere Kursschwankungen aufweisen. Die weitverbreitete Meinung, Small & Mid Caps seien grundsätzlich risikoreicher, ist nicht haltbar, sagt Albert. Das liegt am robusten Gewinnwachstum kleinerer Unternehmen und ihrer Konzentration auf ein erfolgreiches Kerngeschäft. Auch sei bei Standardwerten der Hochfrequenzhandel, die Abdeckung über Futures und der Zugriff von passiven Produkten deutlich ausgeprägter, was im Ergebnis insbesondere seit Ende der 1990er-Jahre zu stärkeren Schwankungen führe, so Albrecht. So haben in den vergangenen fünf Jahren Small und Mid Caps nicht nur eine um mehr als 15 Prozent bessere Wertentwicklung zu verzeichnen, sondern gleichzeitig eine niedrigere Volatilität und einen um fünf Prozent geringeren Drawdown, also Maximalverlust.

Doch in welchen Branchen finden Investoren die spannenden Börsenzwerge. Kleinere Unternehmen tummeln sich viel öfter in Wachstumsbranchen als die Dickschiffe aus dem Dax. Kahler spricht von einer „kontinuierlichen Durchmischung mit wachstumsfrischen Unternehmen“. Kein Wunder also, dass die Rally der Wachstumswerte, die „Growth-Rally“ der vergangenen Jahre ihre Kurse hat steigen lassen. „Im Dax gab es in den vergangenen Jahren auch einige Problemfälle wie die Banken, die Autobauer oder zuletzt Bayer“, ergänzt Morningstar-Analystin Claus. Diese Aktien hätten deutlich gelitten. „In einem Indes mit nur 30 Titeln kommt das Einzeltitelrisiko schon deutlich zum Tragen.“ 

 

Das Fundament der heimischen Wirtschaftsleistung

Hinzu kommt, dass per definitionem im Dax die Platzhirsche der deutschen Industrie vertreten sind, Unternehmen, die in der Vergangenheit stark gewachsen sind und deshalb in den Index der größten deutschen Unternehmen aufgenommen wurden. Dazu gehören Auto-, Chemie- und Industriewerte. Diese wachsen zwar heute auch noch, haben die wachstumsstärkste Zeit aber längst hinter sich gelassen. „In den Nebenwerteindizes hingegen befindet sich eine bunte Mischung an Unternehmen aus den verschiedensten Branchen“, sagt Kahler. Zudem sind diese Titel durchschnittlich stärker mittelständisch geprägt und auf Nischenmärkte fokussiert. Kleine und mittelgroße Unternehmen bilden das tragende Fundament der Wirtschaftsleistung insbesondere in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern Europas. Sie bieten Investoren einen vielfältigen Zugang zur Wertschöpfung einer Volkswirtschaft. 

Diese Unternehmen leiden erfahrungsgemäß auch weniger unter globalen politischen Negativereignissen als die großen Dax-Unternehmen, die in allen Schlüsselmärkten dieser Welt Geschäft betreiben und damit keiner Krise wirklich ausweichen können. Nebenwerte zeichnen sich generell dadurch aus, dass sie stärker vom Binnenmarkt abhängen. „Die internationalen Unsicherheiten sollten daher weniger stark belasten als beim globaler ausgerichteten Dax“, sagt Kahler. „Für den MDax und SDax gehen wir 2019 und 2020 wie in den zurückliegenden Jahren von einer dynamischeren Gewinnentwicklung aus als beim Dax.“ Bis zu zwölf Prozent Gewinnwachstum würden möglich erscheinen, was auch auf die stärkere Fokussierung auf Trendthemen zurückzuführen sei.

Sich allerdings nur auf deutsche Nebenwerte zu fokussieren, würden die Experten nicht empfehlen. „Mit einem breit aufgestellten Portfolio europäischer Nebenwerte fahren Anleger auf lange Sicht am besten“, so Albert. „Ausschließlich in heimische Aktien zu investieren, sollten Anleger vermeiden, um nicht den Tücken des Home Bias zu erliegen.“  Es gilt also nicht nur MDax und SDax anzuschauen, sondern auch die europäischen, amerikanischen und gegebenenfalls asiatischen Pendants. Apropos Indizes. Auch bei Nebenwerten stellt sich natürlich die Frage, ob Investoren eher aktiv gemanagte Fonds oder passive börsengehandelte Indexfonds (ETFs) wählen sollten. „Nebenwerte gelten gemeinhin als guter Markt für aktive Manager“, sagt Morningstar-Analystin Claus. Allerdings könnten hohe Kosten den Vorteil, den Manager in diesen ineffizienteren Märkten hätten, auffressen. „Anleger sollten daher stets die Kosten ihrer Fondsanlage im Blick behalten und damit einhergehend auch, ob es dem Fonds in der Vergangenheit bereits gelungen ist einen Index oder eine ETF-Benchmark zu übertreffen.“

Doch wann lohnt sich der Einstieg in Nebenwerte? In welcher Marktphase entwickeln sie sich besonders gut? Lupus-Alpha-Experte Albert warnt davor, dem Wunsch nach dem richtigen „Timing“ zu erliegen. Das funktioniere in der Praxis selten. „Gerade bei einem mittleren bis längeren Anlagehorizont ist es erfolgsversprechender, eine strategische und damit langfristige Investition einzugehen“, sagt er. Nebenwerte-Investments würden sich deshalb gerade dann lohnen, wenn es gelingt, sich vom Timing-Gedanken zu lösen. Das belege der Blick auf den Stoxx Europe TMI Small Return Index: Wer bei europäischen Nebenwerten seit dem Jahr 2000 nur die zehn besten Börsentage verpasste, erzielte eine Wertentwicklung von insgesamt rund 120 Prozent. Wer hingegen durchgehend investiert war, erreichte über 265 Prozent Performance.

Bleibt die Frage, wie hoch der Anteil von Nebenwerten in einem ausgewogenen, breit gestreutem Depot sein sollte. Morningstar-Expertin Claus betont, dass das stark von der individuellen Risikotragfähigkeit des Anlegers abhängt. Sie empfiehlt eine Portfolio-Beimischung von maximal 20 Prozent des gesamten Aktien-Exposures. Auch der Lupus-Alpha-Experte empfiehlt eine Allokation von etwa 20 Prozent eines Aktienportfolios. Dies entspricht in etwa dem Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen an der gesamten Marktkapitalisierung. „Mit ihrer großen Vielfalt helfen Nebenwerte, das Rendite-Risiko-Profil des gesamten Portfolios zu verbessern“, sagt Albrecht. Das belegt auch die empirische Kapitalmarktforschung. Sie zeigt, dass die strategische Vermögensverteilung, also die Aufteilung der Mittel auf die verschiedenen Anlageklassen, wesentlich für den Anlageerfolg eines Investors ist.



Lesen Sie auch Teil 1 und 2 der Serie "Die besten Anlagestrategien":

Die besten Anlagestrategien Teil 1: Der Blick in deutsche Depots ist erschreckend

Die besten Anlagestrategien Teil 2: Qualität zahlt sich aus, auch an der Börse