Herr Utschneider, Charts lügen nicht, heißt es im Börsenjargon. Ist da was dran?

Utschneider: Ja, und zwar zu 100 Prozent. Ein Chart zeigt kompromisslos an, wie der Markt aktuell den Index, die Aktie, den Rohstoff, etc. bepreist. Das ist vergleichbar mit einem Fußballverein. Egal wie gut oder schlecht die Mannschaft vermeintlich sein mag: Die Tabelle lügt ebenfalls niemals. Wer hätte beispielsweise Eintracht Frankfurt letzte Saison eine solche Entwicklung zugetraut? Oder Kroatien davor den Vize-Weltmeistertitel?

 

Auch Zahlen und Daten, auf denen sich die technische Analyse ja verlässt, lassen sich mitunter anders interpretieren, oder etwa nicht?

Utschneider: Man sollte hier die Indikatoren verwenden, auf die die meisten Marktteilnehmer zugreifen. Ich rate davon ab, eigene Signalgeber zu entwickeln. Diese mögen zwar klug durchdacht und berechnet sein, aber wenn nur einer "draufschaut", dann heißt das, es interessiert den Rest herzlich wenig. Zudem gilt auch hier: Es gibt hier Regeln zu beachten. So kann ein MACD-Indikator im Seitwärtstrend wertlos sein, die Slow-Stochastik dagegen äußerst aussagekräftig.

 

 

Haben Sie Verständnis, wenn Investoren die Charttechnik als unverständlich, langweilig und zu kompliziert abtun?

Utschneider: Charttechnik ist die einfachste Analyseform überhaupt. Sie ist weder kompliziert noch unverständlich. Langweilig wird sie schon allein durch Volatilität an den Märkten nicht. Es ist wie bei einer Sprache, man muss diese lernen. Dann wird aus vermeintlicher Langeweile sogar Spaß. Und eins noch: Für professionelle Charttechnik benötigen Sie eigentlich nur Lineal und Bleistift. Sie würden sich wundern, wie verblüfft die Teilnehmer meiner Charttechnik-Seminare dies immer wieder realisieren. Technische Analyse ist zwar keine Wissenschaft, aber dafür eine Kunst.

 

Wie sind Sie zur technischen Analyse gekommen? Was bringen Sie für einen Hintergrund mit?

Utschneider: Schon Ende der 1990er Jahre habe ich mich damit beschäftigt. Es begann während meiner Ausbildung zum Bankkaufmann und dem anschließenden Studium. Später im Beruf als Private Banker und Wertpapierspezialist und im berufsbegleitenden Studium führte ich das dann fort. Das ist nun knapp 20 Jahre her. Nun habe ich mein Hobby quasi zum Beruf gemacht. Ausschlaggebend waren schon damals die Technischen Analysen des Bankhauses Reuschel & Co. (jetzt DONNER & REUSCHEL Privatbank seit 1798) in diversen Printmedien. Damals war ich allerdings noch bei einem anderen Arbeitgeber beschäftigt.

 

Was ist das Besondere an der technischen Analyse gegenüber der fundamentalen Analyse? Wo liegen die Vorteile?

Utschneider: Das Besondere ist die Timing-Komponente. Der Fundamentalanalyst kennt den Preis (Inneren Wert, Fair Value) eines Investments. Er gibt sozusagen das generelle "Go" für Kauf oder Verkauf. Der Technische Analyst ermittelt das "Wann" für die jeweilige Transaktion. Somit sind es keine Gegensätze, sondern zwei Mosaiksteinchen, die sich optimal ergänzen und ein Gesamtbild ergeben.

 

Gibt es auch Gemeinsamkeiten der beiden Ansätze?

Utschneider: Bei beiden Analysemethoden dürfen persönliche Meinungen oder gar Wunschvorstellungen keine Rolle spielen. Vor allem bei der Technischen Analyse geht es um emotionslose Analyse und Interpretation des Status-Quo und etwaiger Tendenzen. Da der Chart nie lügt, wäre es ja paradox, hier das "Grübeln" über Sinn oder Unsinn zu beginnen. Es ist wie es ist...

 

Welche Aktie oder welchen Index analysieren Sie besonders gern?

Utschneider: Nicht zuletzt hier bei CAPinside analysiere ich nahezu täglich den deutschen Leitindex DAX 30. Dieser spiegelt das deutsche Börsengeschehen am deutlichsten wider. Auch hier gilt wie beim Fußball: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Heißt: Jeden Tag beginnt die Börsenuhr von Neuem zu ticken. Gerade seit zehn Jahren zeichnet sich der DAX 30 durch erhöhte Schwankungen aus. Timing wird daher immer wichtiger, um Gewinne zu sichern und Risiken zu minimieren. Und was eignet sich da besser als die Technische Analyse mittels Chart- und Markttechnik?