Am Aktienmarkt hingegen ist der Energie-Sektor lange nicht so facettenreich. Weil abseits der nur eingeschränkt zugänglichen China-Börsen kaum Kohle-Minen gelistet sind und Kraftwerksbetreiber – egal, ob konventionell oder „grün“ – nach dem Global Industry Classification Standard (GICS) bei den Versorgern einsortiert werden, bleiben de facto nur noch Öl und Gas übrig. 


Fünf Öl-Konzerne stehen für ein Drittel des Energie-Sektors

Und auch bei den Einzelwerten gibt es eine starke Konzentration. Allein die fünf größten Konzerne – Exxon Mobil, Chevron, Royal Dutch Shell, Total und BP – kommen zusammen auf einen Börsenwert von knapp einer Billion Euro und repräsentieren damit mehr als ein Drittel der gesamten Sektor-Kapitalisierung. Doch das muss ja nicht unbedingt schlecht sein, schließlich steht Big Oil seit John D. Rockefeller für Wohlstand, Wachstum und Macht.

Nicht umsonst war der aktuell 73 Aktien umfassende MSCI Energy Index dem Gesamtmarkt lange Jahre weit voraus. Während für den MSCI World Index von Anfang 1995 bis Mitte 2008 rund 150 Prozent zu Buche stehen, durfte man sich mit globalen Energie-Aktien über eine Versiebenfachung freuen (jeweils in DM/Euro und inklusive reinvestierter Dividenden).

 

Seitdem ist die Prozent-Pipeline jedoch etwas verstopft. Zwar wurden nach der Finanzkrise nochmal neue Höchststände erklommen. Aber über die letzten fünf Jahre geriet das Geschäft mit dem „schwarzen Gold“ für Aktionäre zum Nullsummenspiel: Was über Ausschüttungen reinkam, ging an den Kursen verloren – obwohl die Börsen rund um den Globus in Partystimmung waren und gemessen am MSCI World Index rund 70 Prozent zulegen konnten (Euro Total Return).


Schwellenländer-Boom und Schieferöl-Baisse

Der Vorsprung der Energie-Aktien ist jedenfalls dahin. Und das liegt primär am Ölpreis. Der hatte Ende der 1990er Jahre kurzzeitig unter zehn US-Dollar pro Barrel gelegen und war dann – getrieben vom Schwellenländer-Boom und befeuert von grassierender Finanzspekulation – auf über 140 Dollar für die Nordsee-Sorte Brent geklettert. Zwar wurde parallel in Förder- und Raffinerie-Infrastruktur investiert, aber der Großteil des Geldsegens sprudelte über Dividenden und Aktienrückkäufe in die Taschen der Aktionäre.


Während der Finanzkrise 2008/09 brach der Barrel-Preis dann binnen weniger Monate auf 40 Dollar ein. Allerdings waren die Notierungen schon zwei Jahre später wieder dreistellig, so dass der wirkliche Preis-Schock erst 2014/15 folgte: Die einige Jahre zuvor massiv forcierte Schieferöl-Förderung in den USA führte zu einem plötzlichen Angebotsüberhang auf dem Weltmarkt – auf den die OPEC unter Führung Saudi-Arabiens nicht mit einer Förder-Kürzung reagierte, sondern mit einem knallharten Verdrängungswettbewerb.

Von diesem Absturz hat sich der Ölpreis bis heute nicht erholt. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre kostete das Barrel 58 Dollar, rund 40% weniger als in den fünf Vorjahren. Kein Wunder deshalb, dass Exxon Mobil, Royal Dutch & Co. Umsatzeinbußen zwischen 15 und 30 Prozent hinnehmen mussten – die sich weder durch Sparprogramme noch durch Effizienzsteigerung auffangen ließen, weshalb auch die Gewinne kräftig geschrumpft sind.


 Ergiebiges Revier für Dividendenjäger

Dennoch haben zumindest viele angelsächsische Firmen auf Dividendenkürzungen verzichtet und zeitweise lieber die Substanz angeknabbert als ihre Aktionäre zu enttäuschen. Inzwischen bewegen sich die Ausschüttungsquoten der meisten Energie-Aktien wieder im grün-gelben Bereich um 70% und solange der Ölpreis sich im Mehrjahres-Mittel oberhalb von 50 Dollar stabilisiert, erscheinen diese Dividenden weitgehend sicher. Für Income-Investoren eine spannende Perspektive, schließlich können die im MSCI World Energy versammelten Unternehmen derzeit mit durchschnittlich 4,6 Prozent Dividendenrendite aufwarten. Mehr ist in keinem Sektor zu holen, wobei die eingangs erwähnten Big Five sogar auf 5,5 Prozent kommen.


Verkaufsdruck durch mehr Nachhaltigkeit in den Portfolios?

Ein dickes Fragezeichen steht hingegen hinter der Kursentwicklung. Fossile Brennstoffe gelten als „Klima-Killer“ und auch wenn vor allem europäische Konzerne wie Royal Dutch, BP oder Equinor massiv in Erdgas und/oder erneuerbare Energien investieren – das „schmutzige“ Geschäft mit dem Öl wird noch auf Jahre hinaus den Großteil der Umsätze und vor allem der Gewinne bringen. 

Genau das kann aber zunehmend zum Knockout-Kriterium werden, wenn es um institutionelle Portfolios geht: Auf Drängen ihrer Geldgeber oder mit Blick auf die öffentliche Meinung richten immer mehr Versicherungen, Pensionsfonds oder Stiftungen ihre Investments an Nachhaltigkeits-Zielen aus. Und sofern dabei kein Best-in-Class-Ansatz verfolgt wird, sondern bestimmte Sektoren so konsequent gemieden werden, wie das bereits bei Tabak der Fall ist, könnten Öl-Aktien insgesamt dauerhaft unter Verkaufsdruck geraten – sogar völlig losgelöst vom fundamentalen Investment Case, von Umsätzen, Gewinnen und Dividenden.


Korrelation: Mit Öl-Aktien den Ölpreis abbilden

Abseits dieser strategischen Themen kommt der Energie-Sektor freilich auch für taktische Investments infrage. Denn aufgrund der Korrelation der Aktienkurse mit dem Ölpreis sind Öl-Aktien eine simple Alternative zu Exchange Traded Commodities (ETCs) oder Index-Zertifikaten auf Brent Crude und West Texas Intermediate. Die nämlich basieren auf rollierenden Futures-Kontrakten, was einerseits nicht jedermanns Sache ist und andererseits auch keine exakte Eins-zu-Eins-Partizipation an dem bietet, was man landläufig als „Ölpreis“ wahrnimmt.



Dann doch lieber ein paar Aktien, wobei die Schwergewichte aus dem MSCI World Energy Index nur zweite Wahl sind. Denn die Korrelation zwischen dem Ölpreis und Anteilen an Big Oil pendelt in den letzten Jahren um 0,6. Das zeigt zwar einen validen Zusammenhang an, ist aber weit von einem Gleichlauf entfernt. Der exklusiv mit den Aktien der Öl-Ausrüster bestückte Sub-Index Energy Equipment & Services kommt hingegen auf Werte von 0,9. Spezialwerte wie Schlumberger, Baker Hughes, Halliburton oder Helmerich & Payne sind damit so etwas wie die Fieberkurve der Welt-Ölmärkte – wohlgemerkt in beide Richtungen.