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CAPinside5 MIN LESEDAUER03.09.2018

Kryptowährungen und der Netzwerkeffekt: Einer profitiert vom anderen

Je mehr Nutzer ein Produkt hat, desto höher ist der Nutzen für die Mitglieder des Netzwerks: Das ist die Kernaussage des Netzwerkeffekts. Und so vergrößert sich auch für Anleger in Bitcoin und Co. mit jedem neuen Investor der Nutzen. Aber es gibt auch Grenzen, insbesondere mit Blick auf die anstehende Regulierung.

Beginnen wir wissenschaftlich: Der Begriff „Netzwerkeffekt“ (auch Netzeffekt oder Netzwerkexternalität) stammt aus der Volkswirtschaftslehre und meint zuerst einmal nur, dass das Verhalten einer Person mindestens das Wohlergehen einer anderen Person beeinflusst. Oder anders gesagt: Der Netzwerkeffekt beschreibt, wie sich der Nutzen aus einem Produkt für einen Nutzer wandelt, wenn sich die Anzahl anderer Nutzen desselben Produktes (beziehungsweise angrenzender Produkte) ändert. Demzufolge ist der individuelle Wert eines Produktes grundsätzlich abhängig von der gesamten Nutzerzahl.

Bei den renommierten Wissenschaftlern Michael L. Katz und Carl Shapiro klingt dies so: „The benefit that a consumer derives from the use of a good often is an increasing function of the number of other consumers purchasing compatible items.“ Je mehr Nutzer ein Produkt hat, desto höher ist der Nutzen für die Mitglieder des Netzwerks.

Der individuelle Nutzenzuwachs durch einen zusätzlichen anderen Nutzer ist zwar ab einer gewissen Netzwerkgröße nur noch marginal, weil kaum wahrnehmbar. Jedoch steigt mit jedem neuen Nutzer die Marktmacht und Attraktivität des Netzwerkanbieters.

Ein beliebtes Beispiel, um die Bedeutung des Netzwerkeffekts zu verdeutlichen, ist das des Telefons. Ist ein Konsument alleiniger Nutzer eines Telefons, so zieht er daraus keinen Nutzen. Erst wenn eine gewisse Anzahl an Personen ein Telefon besitzt, sich also ein Netzwerk gebildet hat, profitieren die Nutzer. Ebenso deutlich wird der Netzwerkeffekt, schaut man sich Soziale Medien an, ganz gleich ob Twitter, Facebook, Xing oder LinkedIn: Je mehr Nutzer eine solche Plattform hat, desto größer werden Einfluss, Verbreitung und schließlich der Wert für jeden einzelnen.

Auch in der Geldanlage lassen sich die Auswirkungen des Netzwerkeffektes beobachten. Ein aktuelles Beispiel dafür: Kryptowährungen wie der Bitcoin. Der Bitcoin als bekannteste Kryptowährung der Welt und zugleich bekanntestes Blockchain-Projekt überhaupt profitiert exponentiell von einem steigenden Netzwerk. Je mehr Menschen die digitale Währung nutzen, desto größer wird der Wert. Zugleich sind andere Kryptowährungen wie LiteCoin, Monero oder Ripple gezwungen, mit diesem Trend Schritt zu halten. Dies lässt sich schon an der Marktkapitalisierung ablesen: Der Bitcoin lag Anfang September bei rund 125 Milliarden US-Dollar, während Ethereum auf dem dritten Platz der Rangliste auf etwa 29 Milliarden US-Dollar kommt und Bitcoin Cash auf Platz 5 gerade noch so die Marke von zehn Milliarden US-Dollar überspringt. Zugleich liegt der Bitcoin-Kurs trotz aller Schwankungen aktuell bei etwa 7.250 US-Dollar – das ist elfmal so viel wie Bitcoin Cash mit dem zweithöchsten Kurs aller Kryptowährungen.

Und dieser Trend scheint sich fortzusetzen. Mit dem Einstieg relevanter Investoren in die Währung, der Entwicklung von Finanzprodukten, die auf Kryptowährungen basieren, und der Etablierung von Bitcoin als liquide „Leitwährung“ des Kryptoraums nimmt der Netzwerkeffekt immer mehr Fahrt auf. Für diejenigen, die bereits beteiligt sind, vergrößert sich der Nutzen sprunghaft. Zumal sich, nach Einschätzung von Branchenbeobachtern, auch die technischen Infrastrukturen immer weiter verbessern und dadurch weiterer Nutzen geschaffen werden kann.

Zugleich verdichten sich die Anzeichen, dass die Europäische Union regulatorische Rahmenbedingungen für Kryptowährungen schaffen will. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, wollen die Wirtschafts- und Finanzminister der EU-Mitgliedsstaaten am 7. September in Wien Möglichkeiten zur Regulierung von Bitcoin und Co. ausloten, um unter anderem die Transparenz der Währungen sowie deren Rolle bei Steuerhinterziehung, Terrorfinanzierung und Geldwäsche zu beleuchten.

Für den Düsseldorfer Vermögensverwalter Norbert Schulze Bornefeld (Eichler & Mehlert) war dies nur eine Frage der Zeit. „Kryptowährungen unterliegen keinerlei staatlicher Aufsicht und widersprechen dem Grundgedanken der Geldpolitik, die durch die Notenbanken geführt wird. Bitcoin und andere digitale Währungen können bislang in keiner Weise reguliert werden. Das verringert die Zugriffsmöglichkeiten von Staaten natürlich maßgeblich, auch unter Gesichtspunkten der Verbrechensbekämpfung. Für mich ist es doch sehr fraglich, ob Staaten, die schon das anonyme Bezahlen mit Bargeld stark einschränken wollen, Kryptowährungen dauerhaft tolerieren werden.“

Sollte es zu einer weitreichenden Regulierung kommen, ist sich Norbert Schulze Bornefeld sicher, dass dies erhebliche negative Netzwerkeffekte haben werde: „Weitreichende regulatorische Vorschriften führen erst einmal immer zu einem Rückgang innerhalb eines gewissen Marktes. Das hat die Einführung der Regularien mittels des Kapitalanlagegesetzbuches für geschlossene Finanzprodukte gezeigt, das zeigt sich aktuell an Mifid II, was die Arbeit von Vermögensverwaltern in unabhängigen Gesellschaften und Banken und deren bisher typischen Tätigkeiten vor allem in der Wertpapierberatung verkompliziert.“

Auf die mangelnde Regulierung geht auch Dr. Maximilian A. Werkmüller ein, Professor für Family Office Management an der Allensbach Hochschule in Konstanz. „Ohne Regulierung herrschen natürlich die Gesetze des kalten Kapitalismus. Daher wird es zu Vorschriften für Kryptowährungen kommen, da bin ich mir sicher.“ Er wirft aber aus Kapitalmarktsicht weiterhin die Frage auf, welche Rolle eigentlich die hinter den Kryptowährungen stehende Blockchain-Technologie spiele. „Ohne Blockchain sind Bitcoin etc. überhaupt nicht möglich. Und die Blockchain wiederum soll ja zur Dezentralisierung von Wissen und der Etablierung neuer Transaktionsstrukturen führen, die herkömmliche Prozesse überflüssig machen. Daher stellt sich immer die Frage, welche Entwicklungsmöglichkeiten noch in der Blockchain warten und wie sich diese auf die Marktteilnehmer auswirken werden.“

Für Maximilian Werkmüller ist die Blockchain der eigentliche Treiber aller Überlegungen, auch hinsichtlich positiver Netzwerkeffekte. „Blockchain-Projekte wachsen, das ist eine allgemein anerkannte Auffassung. Dies bedeutet aber auch, dass die technologische Infrastruktur dafür geschaffen werden muss. Wir sprechen hier von einer Datenexplosion, wenn sich die Blockchain durchsetzt. Das ist mit der jetzigen Netzleistung gar nicht zu bewerkstelligen. Wenn die infrastrukturelle Basis dafür jedoch geschaffen ist, wird das zu einem erheblichen Wachstum führen. Und je mehr Menschen sich dem anschließen, desto erfolgreicher werden Blockchain-Projekte – eben durch den Ansatz des dezentralen Wissens und fälschungssicherer Information.“

Dieser Gedanke Werkmüllers folgt einem weiteren Grundgedanken der Netzwerkexternalität: Der Gesamtnutzen des Produktes erhöht sich durch jeden neuen Netzwerkteilnehmer überproportional, weil der hinzukommende Nutzer mehr Nutzen einbringt, als er selbst erhält.

Experten wie Vermögensverwalter und Family Officer müssten sich aber auch Gedanken um die Einordnung von Kryptowährungen ins Asset Management machen. Schließlich könne ein ständiges Wachstum auch zu interessanten Effekten in der Verwaltung liquider Assets führen. Für Norbert Schulze Bornefeld sind die Währungen ein „sehr interessantes Phänomen, das derzeit jedoch durch eine Vielzahl von nur sehr bedingt vertrauenswürdigen Glücksrittern pervertiert wird“. Und auch Maximilian Werkmüller stellt offen die Frage, was Kryptowährungen eigentlich seien: eine eigene Asset-Klasse oder eben nicht? Seine Meinung: Nein, seien sie nicht, aber das bedeute nicht, dass Profis keine Meinung dazu haben sollten. „Alle relevanten Marktteilnehmer sollten die Entwicklung genau weiter beobachten und auf Antworten zu drängenden Fragen pochen. Dazu gehört beispielsweise der Umgang mit Krypto-Vermögen im digitalen Nachlass. Ohne den entsprechenden Schlüssel haben Erben nämlich keinen Zugriff darauf.“

Auch die Schweizer Bank UBS hat sich aktuell mit der Frage auseinandergesetzt, ob Kryptowährungen eine neue Anlageklasse oder Geld im klassischen Sinne seien. Aufgrund der Volatilität von Bitcoin könne man kaum von einer allgemeinen neuen Assetklasse sprechen, ebenso wenig von einem globalen Zahlungsmittel, heißt es in der Studie „Big Macro 11: Are cryptocurrencies money and/or a new asset class?“. Die US Dollar-Kurse des Bitcoins würden vorranging durch Spekulationen getrieben, nämlich ungefähr 70 Prozent des Wertes. „Dies macht Bitcoin sehr anfällig für große Marktbewegungen“, kommentiert Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege der UBS in Deutschland.

Für eine dauerhafte Etablierung von Kryptowährungen als alternative Assetklasse und gängiges Zahlungsmittel – und damit einer Ausweitung im Sinne des Netzwerkeffektes – müssen laut der UBS-Analyse verschiedene Parameter erfüllt werden. „Dafür muss zum einen die Volatilität begrenzt werden, und zum anderen muss die gesetzliche Regulierung eingreifen und Kryptowährungen in feste Bahnen lenken. Zudem muss die Technologie in der Lage sein, große Mengen von Transaktionen zu verarbeiten. Dann sind die Grundlagen geschaffen, damit Kryptowährungen als Zahlungsmittel anerkannt werden und breitere Investorengruppen ansprechen“, sagt Maximilian Kunkel. Alternativ dazu sei denkbar, dass Kryptowährungen durch bestimmte regulatorische, finanzwirtschaftliche oder technologische Limitierungen ein Nischenthema blieben beziehungsweise nicht einmal als Alternative taugten – weder für Anleger noch bei Transaktionen.