Wenn Unternehmen die Kriegskasse öffnen und Übernahmen planen, geht es an der Börse schnell hoch her: Steile Kursanstiege und enttäuschte Hoffnungen verbinden viele Anleger mit Übernahmesituationen. Doch die Realität sieht anders aus. Insbesondere professionelle Investoren mischen ihren Portfolien gerne Übernahmestrategien bei und sehen das Investment gar als Alternative zu Anleihen.

Was stimmt denn nun? Dirk Sammüller, CIO von TBF Global Asset Management, gilt als ausgewiesener Experte im Bereich der Übernahmestrategien.  Zwei der von ihm und seinem Team betreuten Strategien sind bereits nicht mehr investierbar – zu groß war die Nachfrage der Investoren. Für Sammüller sind Übernahmen,  oder auch Special Situations genannt, ein weites Feld: „Übernahmen von börsennotierten Unternehmen sind ein Prozess. Am Anfang dieses Prozesses ist die Volatilität für gewöhnlich  ausgesprochen hoch. Gegen Ende dafür sehr niedrig, und auch die Korrelation zum Gesamtmarkt fällt dann gering aus“, erklärt der Portfolio-Manager. Dies mache entsprechende Strategien vor allem für Investoren interessant, die stabile Erträge und die Chance auf zusätzliche Renditen wünschen.

 

Investieren in Übernahmen: Je später desto sicherer

Anleger, die sich auf Special Situations fokussieren, suchen sich innerhalb eines Übernahmeprozesses geeignete Zeitpunkte für ein Investment. Auf diese Weise kann das Chance-Risiko-Verhältnis je Investment gesteuert werden. In Summe ergibt sich dann ein Gesamtpaket, das neben Investment-Profis auch erfahrene Privatanleger anspricht. Da Übernahmen rechtlich geregelt sind, wird das Risiko negativer Überraschungen umso geringer, je weiter der Übernahmeprozess fortgeschritten ist.  

Sammüller nennt exemplarisch Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträge sowie Squeeze-Outs.  Diese beiden Fälle treten ein, nachdem ein Unternehmen ein Übernahmeangebot gemacht hat und dieses von einem Großteil der Aktionäre angenommen wurde. „Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträge können geschlossen werden, wenn das übernehmende Unternehmen einen Stimmrechtsanteil von mehr als 75 Prozent hat. Die Rechtsfolge davon ist, dass sowohl Gewinne aber auch Verluste künftig vom neuen Eigentümer getragen werden. Altaktionäre erhalten im Gegenzug einen jährlichen Ausgleich in Form einer garantierten Dividende. Diese sorgt dafür, dass die jeweilige Aktie nach Abschluss solcher Verträge eher den Charakter einer Anleihe hat“, erläutert Sammüller.

 

Warten auf Nachbesserungen 

Obwohl Experten die Kompensationen für geschlossene Gewinn- und Beherrschungsverträge in Deutschland als zu niedrig erachten, wird eine Aktie dadurch noch lange nicht langweilig. „Für Investoren in entsprechende Unternehmen besteht trotz bestehender Gewinn- und Beherrschungsverträge Potenzial. Nämlich dann, wenn ein gerichtliches Spruchstellenverfahren dafür sorgt, dass das übernehmende Unternehmen nachbessern muss. Auf diese Nachbesserungen müssen Anleger zwar oft Jahre warten – im Gegenzug werden die Beträge aber attraktiv verzinst“, erklärt der Portfoliomanager und verweist auf Nachbesserungen aus der Übernahme von MAN durch Volkswagen, welche mit fünf Prozent jährlich verzinst wurden.

Erreicht ein übernehmendes Unternehmen einen Stimmrechtsanteil von mehr als 95 Prozent, kommt es in der Regel zum sogenannten Squeeze-Out-Verfahren. Die Aktien des Übernahmekandidaten sollen in Folge dessen vom Markt genommen und Altaktionäre endgültig abgefunden werden. „Im Squeeze-Out-Verfahren ergeben sich nicht selten zusätzliche Renditequellen. Unternehmen einigen auch mal außerbörslich mit verbliebenen Aktionären“, so Sammüller. Ein Spaziergang ist der Prozess vom ersten Übernahmeangebot bis hin zum Squeeze-Out dennoch nicht. Neben langen Wartezeiten müssen sich Anleger darüber im Klaren sein, dass ihre Aktie nur noch selten gehandelt wird. Auch werfen Übernahmen nicht selten juristische Fragen auf. Selbst Experten wie Sammüller arbeiten dafür mit spezialisierten Juristen zusammen und müssen ihr Recht nicht selten vor Gericht erstreiten.

 

Zyklisches Geschäft

Obwohl die Übernahmeaktivität in Deutschland im ersten Quartal 2019 einen Dämpfer erhalten hat und auch die Experten von TBF Global Asset Management im vergangenen Jahr nicht so viele interessante Situationen identifiziert haben, sieht Sammüller Potenzial: „Das Geschäft ist zyklisch. Nach schwächeren Jahren gibt es immer wieder Aufhol-Effekte. Die aktuell geringe Aktivität bei Übernahmen dürfte sich im Laufe des Jahres normalisieren. Hinzu kommt, dass der Prozess vom Übernahmeangebot bis zum Squeeze-Out Jahre dauern kann. Wir sehen einige attraktive Kandidaten schon heute am Markt“, so der Manager, dessen Expertise unter anderem in die Strategien Greiff Special Situations Fund und TBF European Opportunities einfließt.