Bereits 2016, lange vor den ersten „Friday for Future“-Demonstrationen, überraschte E.ON mit einem Rekordverlust von 16 Milliarden Euro. Dieser Verlust war einer der ersten Vorläufer des Phänomens, das ich heute hier unter dem Namen „Greta Devaluation Effekt“ beschreiben möchte. Also dem Effekt, der durch die Veränderung des gesellschaftlichen Blicks auf Unternehmen beitragen, die einen besonders großen Anteil an der Verursachung von Umweltrisiken aufweisen. E.ON musst damals bereits massive Werte aus der eigenen Bilanz neu bewerten. Warum? Weil Solar und Windstrom die Betriebszeiten ihrer konventionellen Kraftwerke massiv reduziert haben. Weniger Betriebsstunden bedeuten weniger Einnahmen, und damit mussten letztlich auch die Werte in den Büchern korrigiert werden, ohne dass Banken und Analysten dies rechtzeitig antizipiert hatten.

Dieser Vorfall ist bezeichnend für das, was allen Anlegern und Unternehmen in den nächsten Jahren passieren wird, die jetzt nicht reagieren. Geschäftsmodelle der Öl-Konzerne, der Kohle- und Atomunternehmen, der konventionellen Autoindustrie, der Fluglinien und ihrer Zulieferer basieren im Grunde alle auf einer einfachen Annahme: nämlich, dass sie die Risiken und Kosten aus jahrzehntelanger Verschmutzung von Luft, Wasser, Menschen und Tieren nicht in ihren Bilanzen führen müssen. Sie externalisieren also Risiken und Kosten in einem nie da gewesenen Maße auf die Gesellschaften und die Umwelt weltweit. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds IWF summiert sich die Summe der Schäden im Jahr weltweit auf über 800 Billionen Euro - und dies sind nur die Kosten, die heute bereits entstehen. Die absoluten Risiken, die also noch nicht eingetreten oder überhaupt erfasst sind, sind unfassbar höher. Sie reichen von Plastikverschmutzung, Gesundheitskosten, Ernteausfällen bis zur politischen Instabilität.

Sollten sich auch nur einige, wenige relevanten Gesellschaften entscheiden, diese Kosten auch nur zum Teil den Geschäftsmodellen der Verursacher zuzurechnen, wären diese unmittelbar in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Schon allein, weil die Preise ihrer Produkte extrem steigen müssten. E.ON rettete sich damals mit bewährten Methoden. Einerseits gliederte man die betroffenen Assets aus dem Unternehmen aus und hängte ihre zukünftigen Risiken Anlegern der neu geschaffenen Uniper SE um den Hals. Was zumindest fair erscheint, denn letztlich sollte man annehmen, dass die Aktionäre von Uniper denkende Menschen sind. Anderseits pressierte man die atomaren Risiken der veralteten Atommeiler in einen staatlichen Fonds. Damit trägt heute der Steuerzahler diese Risiken. Die der Endlagerung haben wir ohnehin immer getragen.

Eines ist aus heutiger Sicht vollkommen klar, die kumulierten Risiken der fossilen Unternehmen sind weitaus höher als die der Finanzbranche in der Immobilienkrise. Wer also jetzt Greta und „Friday for Future“ als Anleger überhört, der könnte ein böses Erwachen erleben, abgesehen von der ethischen Mitverantwortung für die größte Krise unserer Generation.
 

Greta Thunberg

PS: Der „Greta Devaluation Effekt“ ist auf der anderen Seite in gleicher drastischer Weise ein Katalysator für neue, grüne Geschäftsmodelle. Je stärker der Effekt eintritt, umso höher treibt er umgekehrt die Firmenwerte dieser Unternehmen, da die fossile Konkurrenz teurer wird, wenn sie für ihre Verschmutzung bezahlen muss und zusätzlich finanzschwächer wird.

 

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