Politiker, Journalisten, Künstler, Hipster und Möchtegern-Unternehmer stehen sich die Füße platt vor den Konzernzentralen in Palo Alto und Mountain View. Sie werden nicht müde, dem Valley zu huldigen. Als Ort der Gründer, der Inspiration, der Kraft von Ideen, die unsere Welt verändern. Deutschland müsse werden wie das Valley, fordern sie. Wir müssen mehr Gründergeist zeigen, sagen sie. Mehr Innovation.

Doch sie sind blind. Wir sind blind. Denn das Model „Silicon Valley“ ist längst zu einem System der Wettbewerbsverzerrung und planvollen Schaffung von Oligopolen mutiert, das jeden Wettbewerb unterdrückt durch seine schiere Kapitalkraft. Es sind nicht die Ideen, die fehlen in Deutschland oder Europa, sondern uns fehlt eine europäische Antwort auf das Finanzsystem des Silicon Valley.

Dabei scheint es längst ausgemacht. Europa hat sich ergeben. Jedes europäische Unternehmen ist ohne Google, Amazon und Facebook faktisch nicht mehr wettbewerbsfähig. Diese passive „Google-Steuer“ zahlen wir alle brav, und die Politik schaut zu und erlaubt den Abfluss von gesellschaftlichem Vermögen sogar noch, ohne dass es besteuert wird.

Um das System Silicon Valley zu verstehen, muss man zurückgehen an den Anfang. In den frühen 2000er Jahren war klar, dass durch die Digitalisierung neue Unternehmen entstehen, die, wenn sie eine kritische Masse erreicht haben, sogar zu Oligopolen oder gar Monopolen werden können. Der technologische Pioniergeist, den es ohne Zweifel gab und heute auch noch gibt, wurde jedoch erst durch eine einzigartige Symbiose von Venture Kapital und einem optimalen Börsenplatz, der Technologiebörse Nasdaq, so erfolgreich.


Geld und hohe Bewertungen als Erfolgsgaranten

Das Schema ist immer gleich: Experten der Szene im Valley werden sich einig über einen bestimmten Trend. Zum Beispiel, dass Waren in Zukunft nur noch online gekauft werden. Sie verschaffen einem Gründerteam in dem jeweiligen Bereich zwei Dinge: sehr viel Geld und eine hohe Bewertung des Unternehmens. Hierdurch steigt ganz automatisch die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs überproportional.

Denn die Venture Capital-Fürsten sind in der Lage, über Jahre die besten Köpfe der Welt zu finanzieren und schlicht Marktanteile durch einen knallharten Preiskampf zu kaufen, unausgereifte Technologie und teure Rechtsstreitigkeiten auszusitzen und riesige Verluste zu verkraften, bis die Prophezeiung schließlich sich selbst erfüllt. Denn niemand außerhalb dieses Systems kann diesen Weg mitgehen. Familienunternehmen oder konventionelle Konzerne, auch in Amerika, müssen aufgeben, da der Wettbewerb schlicht unfair ist, denn sie müssen sich konventionell finanzieren – obwohl ihre Ideen und Ansätze oft besser und effektiver sind.


Europa hat keine Nasdaq

Man könnte nun einwerfen, dass dieses Modell ja auch in Europa möglich wäre. Ist es aber nicht, da die Venture Kapital-Branche im Valley mit der Nasdaq einen Börsenplatz zur Verfügung hat, der ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Exit ermöglicht und Unternehmen Milliarden-Bewertungen erzielen, obwohl sie beim Börsengang noch nie Geld verdient, aber sehr wohl Milliarden verbrannt haben.

Man nehme nur die Beispiele Uber, Lift, Tesla oder auch Facebook. Hier ist das Venture Kapital mit über hundertfachem Gewinn ausgestiegen, bevor der erste Gewinn überhaupt in Sichtweite war. Letztlich finanzieren wir dann sogar über unsere Einlagen im Nasdaq die fortgesetzte Wettbewerbsverschlechterung über unseren privaten Sparplan-ETF mit.

Solange Venture Kapital-Gebern in Europa für einen Exit letztlich nur die Portmonees der europäischen Konzerne übrig bleiben, bleibt ihre „Firepower“ ein Witz im Vergleich zum Valley, und wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Oligopole der Zukunft nicht in Europa entstehen können. Der DAX hat jedenfalls bewiesen, dass er zur Finanzierung mutiger Zukunftsprojekte nicht taugt.

 

Wie nach Ansicht von Philipp Schröder ein europäischer Gegenentwurf zur Nasdaq und zum Einfluss des Silicon Valleys aussehen kann, lesen Sie in Kürze auf CAPinside.

 

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