CAPinside-Trend Debatte: ESG-Fonds – eine moralische Wahlurne für Anleger?
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2021-10-27

CAPinside-Trend Debatte: ESG-Fonds – eine moralische Wahlurne für Anleger?

Anleger können bei ihrer Geldanlage mehr als nur finanzielle Ziele verfolgen. Bei der Demokratisierung der Vermögensanlage können Kapital und Wertvorstellungen in dieselbe Richtung gehen. Kinderarbeit oder Erneuerbare Energie? Doch was bedeutet Nachhaltigkeit in der Geldanlage? Finanzmakler Robert Seifert mit einer Einschätzung.

Das Problem beginnt wie so häufig mit der Begriffsbestimmung: Die EU beschäftigt sich im Rahmen der Offenlegungsverordnung und insbesondere durch den EU-Aktionsplan „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ mit diesem Thema. Es gibt keine genaue Definition des Begriffs „nachhaltig“. Die EU möchte mittels Taxonomie ein Einordnungssystem für nachhaltige Geldanlagen erschaffen. Die erste Verordnung startet am 1. Januar 2022. Dabei setzt sich die EU folgende Umweltziele für eine Klimaneutralität bis 2050:

1) Klimaschutz

2) Anpassung an den Klimawandel

3) nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen

4) Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft einschließlich Abfallvermeidung und Recycling

5) Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung

6) Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Die ESG-Kriterien halten damit Einzug in die tägliche Privatkundenberatung. Zukünftig müssen Nachhaltigkeitspräferenzen erfragt werden – was im Beratungsprozess zunächst einen Mehraufwand bedeutet. Auch wenn noch keine einheitliche Definition der nachhaltigen Geldanlage existiert, helfen die ESG-Kriterien Anlegern dabei, einen Eindruck des individuellen Verständnisses von Nachhaltigkeit in der Geldanlage zu bekommen.


Positivkriterien, Negativkriterien, Ausschlusskriterien – was zählt denn jetzt? 

Restriktiver regeln Ausschluss- und Positivkriterien die Auswahl einzelner Unternehmen. Ausgeschlossen werden Bereiche wie Tierversuche, Gentechnik, Atomkraft, Kinderarbeit und Rüstung sowie umweltgefährdende Herstellungsverfahren und mangelnde Mechanismen gegen Korruption. Dennoch können Fondsmanager etwa bei der Nutzung von Tierversuchen unterschiedlicher Auffassung sein, während restriktive Investoren jegliche Art von Tierversuchen ausschließen. Bei anderen erlaubt der moralische Kompass Tierversuche, um humane Medizin weiterzuentwickeln. Eine klare Linie ist nur schwer erkennbar.

Normenbasierte Negativkriterien hingegen sind bei der Titelauswahl deutlich strenger. Diese internationalen Standards verpflichten Fonds nicht in Unternehmen zu investieren, denen Kartellrechtsverstöße oder Verstöße gegen Umweltschutzabkommen nachgewiesen sind oder die Regeln internationaler Gewerkschaftsverbände missachten. Ein anderer Ansatz wiederum sind Positivkriterien. Hier gelangen Aktien in die Auswahl, die bestimmte Dinge besonders gut machen. Das kann die Verbesserung der Energieeffizienz oder den ökologischen Landbau betreffen. Die Herausforderung im Investment- und Beratungsprozess ist es, die verschiedenen Kriterien zu verstehen und auch Anlegern nachvollziehbar und transparent zu machen.


Es geht nicht nur um die Rendite

Die Antwort auf die Frage eines Renditevorsprungs nachhaltiger Geldanlagen gegenüber der „konventionellen“ ist nachrangig. Viele (Privat-)Anleger haben mittlerweile ein sehr gutes Verständnis dafür, dass Gewinnmaximierung und nachhaltiges Wirtschaften gegensätzliche Ansätze sind und entscheiden sich immer bewusster für ESG-Produkte. Dabei ist klar erkennbar, dass nachhaltige Fonds über eine eingebaute Resilienz – sprich Krisenfestigkeit – verfügen, da die Unternehmen, die die ESG-Kriterien bereits berücksichtigen, verschiedenste Risiken, wie etwa skandalbedingte Kursrutsche, fast ausschließen können. Andererseits bewerten die ESG-Fonds innovative und zukunftsträchtige Wachstumsmärkte über – eine Wette, die aufgehen könnte!

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