Die Angst vor dem Angstbarometer
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2022-05-02

Die Angst vor dem Angstbarometer

Die Nervosität ist groß. Steht an den Kapitalmärkten ein unruhiger Sommer bevor? Zumindest aber ein paar turbulentere Tage und Wochen? Viele Investoren beobachten fast schon ängstlich Indizes, welche die vom Markt erwarteten Schwankungen messen. Doch was sagen diese Angstbarometer eigentlich aus? Sind sie wirklich Indikatoren für schlechte Zeiten an den Märkten?

Keine Frage, die Stimmung an den Finanzmärkten ist mau, die Sorgen sind groß. Russland-Krise, Ukraine-Krieg, hohe Energiepreise, galoppierende Inflation und die Zinswende – es gibt viele Themen, die Investoren derzeit Angst machen, sie aber doch zumindest vorsichtig werden lassen. Da wundert es kaum, dass viele gebannt auf VIX- und MOVE-Index schauen, die beiden bekanntesten Angstbarometer an der Börse.

Aber müssen Anleger vor steigenden Angstbarometern wirklich Angst haben? Der Nutzen dieser Indizes für Anlegerin und Anleger ist aus Sicht von Philipp Dobbert überaus begrenzt. „Die Indizes geben Auskunft über das momentane Maß an Nervosität am Markt“, sagt der Chefvolkswirt und stellvertretende Leiter Anlagemanagement der Quirin Privatbank. „Ob es nun aber auf- oder abwärts geht an den Märkten, darüber sind keine sicheren Schlüsse möglich.“ Damit seien die Indizes zwar informativ, für Anlagezwecke aber im Grunde wertlos.




Angstbarometer ohne signifikante Auswirkung

Eine deutliche Einschätzung. Aber stimmt sie auch? Sven Lehmann von HQ Trust hat nachgerechnet. Der Wirtschaftsmathematiker hat dazu die Renditen von S&P 500 und US-Treasuries analysiert, abhängig von der vergangenen monatlichen Entwicklung des VIX- und MOVE-Indexes. Der VIX, der eigentlich CBOE Volatility Index heißt, drückt die erwartete Schwankungsbreite des amerikanischen Aktienindexes S&P 500 aus. Der ICE BofAML MOVE Index bildet die erwartete Volatilität der Renditen von amerikanischen Staatsanleihen ab.

Lehmann untersuchte, wie sich die Märkte entwickelten, nachdem die Angstbarometer gestiegen beziehungsweise gefallen waren. Die Analyse umfasst alle vier Konstellationen aus höherem und niedrigerem VIX und MOVE sowie den Zeitraum von 1990 bis heute. „Zeiten mit fallender Volatilität am Aktienmarkt und steigender Volatilität am Rentenmarkt, so wie aktuell, gibt es gar nicht so selten“, stellt der Experte fest. Immerhin 19 Prozent der Monate entfallen auf dieses Szenario. „Am häufigsten trat in den vergangenen gut 30 Jahren aber die Konstellation mit rückläufigen erwarteten Schwankungen bei VIX und MOVE auf.“

Doch wie reagierten die Märkte dann auf diese Konstellationen? „Aus Performance-Sicht brauchen sich Anleger vor den Angstbarometern nicht zu fürchten“, gibt Lehmann Entwarnung. Insbesondere auf Monatssicht waren die Auswirkungen auf den S&P 500 sehr gering: Bei den vier möglichen Konstellationen lag die Performance zwischen 0,88 und 0,98 Prozent. „Auf Jahressicht liegen die Aktienrenditen zwischen 10,7 und 12,8 Prozent, wobei die Szenarien mit fallendem MOVE und fallendem VIX zur gleichen Performance führten wie gleichzeitig steigende Barometer.“ Anders sieht es bei den Anleihen aus. Am Rentenmarkt unterscheiden sich die Renditen deutlicher. „Auf Jahressicht legten die Anleihen bei steigendem MOVE und fallendem VIX im Mittel um 6,1 Prozent zu“, hat der Experte errechnet. Bei gleichzeitig steigenden Indizes waren es lediglich 4,7 Prozent. Lehmann zieht ein eindeutiges Fazit: „Die Auswirkungen auf die Rendite waren sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen nicht signifikant positiv oder negativ.“


Nervosität ja – Angst nein

Historisch gesehen gehen sind die Volatilitätsindizes in Phasen fallender Aktienkurse hoch, beobachtet Dirk Rathjen. „Nicht immer, wenn sie hoch sind, fallen aber auch die Aktienkurse wie beispielsweise 1999“, sagt der Geschäftsführer des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). „VIX & Co sind also keine verlässlichen Instrumente für Market Timing, aber dennoch hilfreiche Indikatoren.“ Auch Dobbert kennt keine Studien, die eine Verlässlichkeit derartiger Indikatoren schlüssig belegen. „Auch hier – wie auch sonst nirgendwo – gibt es ihn also nicht, den ‚Zauberindikator‘, der eine sichere Aktienmarktprognose ermöglicht.“ Rathjen glaubt allerdings, dass Anleger, die ihr kurzfristiges Risikomanagement verbessern wollen, in den Volaindizes gute Indikatoren haben. „Anleger brauchen sie jedoch nicht, wenn sie langfristig orientiert sind und verinnerlicht haben, dass Market Timing zwar Verluste verringern mag aber auch zu viel verpasster Performance – und damit langfristig häufiger schlechterer Performance führt als Buy-and-hold“, ist auch er überzeugt.

Die Nervosität ist aktuell natürlich hoch, auch gemessen an den Angstindizes. „ Das sind sie allerdings schon seit Beginn der Corona Pandemie“, sagt Rathjen. „An den starken Ausschlägen und der schnellen Beruhigung beim ersten Lockdown und bei Kriegsbeginn sieht man, wie schnell die Märkte reagieren, aber auch wie schnell sie sich in diesen beiden doch sehr heftigen Phase wieder ein Stück beruhigt haben.“ Die Anspannung der Märkte sei jedoch gering, gemessen an der Schwere dieser Krisen und den historischen Umbrüchen, die mit ihnen einhergingen – in der Corona-Krise massive Einschränkungen des Alltagslebens und die Trendwende bei der Globalisierung, im Ukraine-Krieg der Entschluss des Westens, Russland als Rohstofflieferanten und militärische Großmacht dauerhaft wegzustoßen sowie das Risiko eines Atomkrieges. Auch Dobbert attestiert den Aktienmärkten derzeit zwar eine recht deutliche „Schwankungsanfälligkeit“, was zunächst einmal für eine gewisse Grundnervosität spreche. „Eine regelrechte Angst der Marktteilnehmer sehen wir derzeit allerdings flächendeckend nicht“, sagt er. Und Angst vor den Angstbarometer brauchen sie grundsätzlich wohl auch nicht zu haben.

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