Jessica Schwarzer
Journalistin, Moderatorin, BuchautorinNachricht senden

Mythos oder Wahrheit #15: Risiko entsteht, wenn Anleger nicht wissen, was sie tun

Mit Risiken müssen sich private wie institutionelle Investoren auseinandersetzen. Manche tun es intensiver, andere weniger. Mitunter verlieren sie auch den Überblick. Glaubt man Warren Buffett, entsteht Risiko überhaupt erst dann, wenn Anleger nicht wissen, was sie tun. Aber ist es wirklich so einfach? Oder gehört Buffetts Aussage ins Reich der Mythen?

Es ist eine dieser Aussagen, die man von Warren Buffett kennt. Kernig, pointiert und wahrscheinlich auch ziemlich treffend. „Risiko entsteht dann, wenn Anleger nicht wissen, was sie tun“, sagte der legendäre US-Investor einst. Das erinnert stark an den Filmklassiker „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ aus den 1960er-Jahren, in dem Halbstarke – unter ihnen Schauspiellegende James Dean – mit gefährlichen Autorennen ihr Leben aufs Spiel setzen. Um Leben und Tod geht es an der Börse natürlich nicht, aber auch viele Investoren sind sich der Gefahren nicht bewusst, denen sie ihr Geld aussetzen. Und das kann die Geldanlage zu einer äußerst riskanten Sache machen. Wissen wirklich so viele Anleger nicht, was sie tun? Schließlich ist das Risiko allgegenwärtig.

Christian Kahler kann Buffetts Aussage einiges abgewinnen. Der Chefanlagestratege der DZ Bank verweist allerdings darauf, dass Buffett Risiko anders definiere als die meisten Anleger. Konventionelles Finanzmarktwissen sieht in der Diversifikation eines Portfolios einen Weg zur Risikominderung. Risiko wird dabei definiert als Ausmaß der Kursschwankungen. Durch ausreichende Diversifikation sinkt das Risiko eines Verlustes des eingesetzten Kapitals dramatisch, ebenso wie das Ausmaß der Kursschwankungen. „Häufig werden jedoch auch die ganz großen Börsengewinne verpasst, setzt man auf zu viele Werte gleichzeitig“, so Kahler. Die Performance im Aktiendepot entspricht dann auf lange Sicht üblicherweise der des Marktes.

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Leben mit dem Risiko-Dilemma

Buffett definiert Risiko anders. „Für ihn ist Risiko nicht die Schwankungsbreite der Kurse, so wie es Finanzmarkt-Theoretiker definieren, sondern das Risiko, mit einer Analyse falsch zu liegen und damit unmittelbar Geld zu verlieren“, sagt der DZ-Experte. Buffett ignoriert damit das Standard-Diversifizierungsdogma. „Viele Experten würden sagen, dass die Strategie, stärker auf Einzelwerte denn eine breite Streuung zu setzen, risikoreicher sein muss als die der konventionellen Anlage. Buffett ist da anderer Meinung“, so Kahler. „Eine Politik der Portfolio-Konzentration kann das Risiko durchaus verringern, wenn sowohl die Intensität, mit der ein Investor über ein Unternehmen nachdenkt, als auch das persönliche Komfortniveau untermauert wird.“ Dies wird erreicht, indem das Unternehmen und das Marktumfeld umfassend und tiefgehend analysiert werden. Buffett nutzt zudem weitere Auswahlmechanismen, um die Wahrscheinlichkeit eines Verlustes zu minimieren. Dazu gehören üblicherweise eine niedrige Verschuldung des Unternehmens und stetig wachsende Unternehmensgewinne – auch in schlechten wirtschaftlichen Zeiten.

Mit Risiken müssen sich private wie institutionelle Investoren auseinandersetzen. Die Profis haben umfangreiche Research-Kapazitäten, um jede Anlagemöglichkeit von allen Seiten zu beleuchten. Doch Robert Halver mahnt zur Vorsicht: „Es kann auch sein, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht“, sagt der Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Der Erfolg oder Misserfolg hänge nicht unbedingt davon ab, ob ein Investor sich eine ewige Zeit oder auch nur kurz mit einer Aktie beschäftigt habe. „Ein wesentlicher Unterschied ist, dass institutionelle Anleger vor allem fremdes Geld verwalten“, so Halver. „Damit leben sie in einem Dilemma. Sie können einerseits nicht zu risikoreich sein, um bei Aktienabschwüngen nicht zu viel Fondsvolumen zu verlieren.“ Andererseits müssten sie dabei sein, wenn es nach oben gehe. Denn ansonsten werde auch Geld abgezogen. Der Privatanleger ist nur sich selbst gegenüber verantwortlich. Er muss sich nicht rechtfertigen. „Das könnte dazu führen, dass Anleger im Vergleich zu hohe Risiken eingehen, zu oft auf rot oder schwarz setzen“, sagt der Experte. „Denn es gilt der Börsenkalauer: Keine Chance ohne Risiko. Oft genug wird das Risiko unterschätzt.“

Dirk Rathjen, Geschäftsführer des Instituts für Vermögensaufbau (IVA) in München, sieht sowohl für die Privaten als auch für die Institutionellen ein noch größeres Risiko darin, aus Angst nach Kursrückgängen zu verkaufen. Institutionelle haben natürlich Anlageausschüsse, die rationale und ausgewogene Anlageentscheidungen sicherstellen sollen. „Allerdings funktionieren die nicht immer so gut wie gewünscht“, weiß der Experte. „Die Mitglieder haben Karriererisiken, wenn es schlecht läuft, und viele Mitglieder der Anlageausschüsse sind hochrangige Manager oder Politiker, für die Kapitalanlage kein vertrautes Terrain ist.“ Privatpersonen hingegen können selbst entscheiden, haben aber häufig nicht das Fachwissen und lassen sich oft von den Falschen beraten, von Websites oder Familienmitgliedern, die auch keine Anlageexperten sind. „Besonders verheerend ist, dass es den konservativen Portfolio-Baustein, der verlässlich ein paar Prozent Rendite abwirft, nicht mehr gibt“, so Rathjen. Bundesanleihen rentieren selbst bei 30 Jahren Laufzeit negativ. Sogar spanische Regierungsanleihen mit Laufzeiten bis acht Jahren haben negative Renditen.


Neue Zeiten, neues Denken

Apropos Zinsen. Der IVA-Experte ist überzeugt, dass Investoren Risiko in Zeiten von Nullzinzen neu denken müssen. Früher ging es um Verluste, reale Wertminderungen. „Wenn ich heute ein Bundesanleihe kaufe und bis zum Ablauf halte, habe ich praktisch kein Verlustrisiko – dafür aber eine Verlustgewissheit“, so Rathjen. „Wenn Risiko Ungewissheit bedeutet, sind deutsche Bundesanleihen sicher. Wenn es beim Risiko um Verlust geht, sind selbst deutsche Bundesanleihen ein problematisches Investment, weil ja die Verluste garantiert sind - es sein denn man verkauft vor Ablauf mit Gewinn.“ Kahler glaubt nicht, dass Risiko neu gedacht werden muss. Er sieht allerdings die Gefahr, dass Anleger vermehrt in Aktien investieren, weil sie beispielsweise Dividendenerträge erwirtschaften wollen, und dabei die Analyse der Unternehmen vernachlässigen.

Noch immer aber meiden viele Deutsche Aktien. Sie sind ihnen schlicht zu riskant. Millionen Bundesbürger spielen aber regelmäßig Lotto - mit mehr oder weniger garantiertem Totalverlust. Einen Widerspruch sieht Rathjen darin nicht. Beim Lotto würden die Tipper eine gewisse Summe einsetzen, von der sie wissen, dass sie ihren Verlust verschmerzen können und von der sie wissen, dass sie diese abschreiben müssen - für die Chance etwas zu gewinnen. „Ich habe also absolute Sicherheit über die Höhe des Kapitalverlustes – genau die Preise der Lose“, so Rathjen. „Der Gewinn ist möglich und kann auch sehr hoch sein. Aber er ist auch sehr unwahrscheinlich.“ Ganz anders bei Wertpapieren: „Bei Aktien ist der Gewinn sehr wahrscheinlich, kommt aber eventuell erst in vielen Jahren und man weiß nicht, wie zwischendurch die Kurse stehen“, ergänzt er. „Aktien sind reale Investments in reale Unternehmen mit realem wirtschaftlichen Wert. Wenn man die Bedienungsanleitung der Aktien beachtet – diversifizieren, lange Anlagedauer, nicht in Panik verkaufen – sind sie ein solides Investment.“ Investitionen in Bitcoin hält er hingegen für Zockerei. Auch Halver betont: „Das Risiko bei Lotto und auch Bitcoin – obwohl es grundsätzlich eine faszinierende Anlageform ist – ist deutlich höher als das Aktienrisiko. Es sei deshalb auch völlig absurd, wenn man Aktien verteufele. Der eine oder andere sollte über Risiko als „Größe“ vielleicht doch noch einmal nachdenken.