Mythos oder Wahrheit #19: Geld macht glücklich

Über Geld spricht man bekanntlich nicht, vor allem nicht in Deutschland. Die Annahme, dass Geld glücklich machen könnte, ist auch eher verpönt. Die Wahrheit ist aber: Geld macht glücklich, zumindest unter bestimmten Voraussetzungen und bis zu einem gewissen Maße. Die Frage, ob und wie viel Geld uns glücklich macht, untersuchen Forscher deswegen schon lange. Ihre Ergebnisse sind nur leider nicht eindeutig. Es gibt Studien, die sagen: Je mehr Wohlstand, desto mehr Zufriedenheit. Wieder andere sagen: Geld macht nicht glücklicher, aber weniger traurig.

Relativ unbestritten ist aber: Hunger, Krankheit, Kälte und Ungerechtigkeit machen unglücklich. Liebe, Erfüllung, Erfolg, Anerkennung, Dankbarkeit und empfundene Sicherheit hingegen machen glücklich. „Solange Geld dazu nötig ist, die Unglücklichmacher abzubauen, steigert es das Glücksempfinden“, ist Dirk Rathjen, Geschäftsführer des Instituts für Vermögensaufbau (IVA), überzeugt. Und: „Noch mehr Geld erlaubt einen höheren Lebensstandard.“ Dieser ist vor allem bei niedrigem Einkommen sehr spürbar. „Geld bedeutet aber auch Sicherheit und kann damit beruhigen und dadurch glücklicher machen“, so Rathjen. Es geht also nicht nur darum, ob wir uns Restaurantbesuche oder Urlaube leisten können.


Zufriedener, aber weniger Spaß

Je nach Studie liegt der Punkt, ab dem mehr Geld das Glücksgefühl nicht mehr erhöht, übrigens zwischen 35.000 Euro und 60.000 Euro Jahreseinkommen. Zugegeben, dass sind keine besonders hohen Summen. Und diese Summen lassen doch zumindest daran zweifeln, dass Reichtum glücklich macht. Der Ökonom und Chef des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher hat sich des Themas vor einigen Monaten für „Die Zeit“ angekommen. Die Überschrift seines Beitrags: „(Sehr viel) Geld macht doch glücklich“. Auch wenn nur schwer eine Kausalität zwischen Geld und Glück nachgewiesen werden könne, gebe es doch Belege dafür, „das glücklichere Menschen auch beruflich erfolgreicher und somit vermögender sind“, schreibt der Ökonom.

Er verweist auf eine Studie aus seinem Haus, die sich die Lebenszufriedenheit verschieden vermögender Gruppen angeschaut hat. Das Ergebnis sei ein erstaunlich starker Unterschied in der allgemeinen Lebenszufriedenheit zwischen Millionären und anderen Gruppen. „Menschen in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung sind etwas weniger zufrieden als Menschen in der oberen Mittelschicht, die wiederum etwas weniger zufrieden sind als Wohlhabende“, schreibt Fratzscher. „Der allergrößte Anstieg der Lebenszufriedenheit trifft jedoch auf Millionärinnen und Millionäre zu.“ Die Studie beleuchtete spezifische Bereiche der Zufriedenheit. „Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Millionärinnen und Millionäre nicht nur mit ihrem Einkommen sehr viel zufriedener sind als andere Gruppen, sondern auch mit ihrer Arbeit, ihrer Familie und ihrer Gesundheit.“ Das überrascht auch den IVA-Experten nicht. „Menschen mit sehr hohen Einkommen sind im Schnitt glücklicher als die Mehrheit“, bestätigt Rathjen. „Dies liegt aber nicht am Geld, sondern an dem beruflichen Erfolg, mit dem das Mehr an Geld einherging.“

Einen Trost hat der DIW-Ökonom für alle, die keine großen Vermögen besitzen: „Millionärinnen und Millionäre haben weniger Spaß in ihrem Leben, so scheint es: Sie sind nicht zufriedener mit ihrer Freizeit als die meisten und sogar weniger zufrieden als Menschen, die wohlhabend sind.“ Rathjen ist zudem überzeugt, dass sehr großer Reichtum nicht zwangsläufig glücklicher macht. „Sehr reiche Menschen haben ihr Geld häufig aus dem Familienunternehmen und fühlen sich dann der Familientradition und der Firma verpflichtet“, so der IVA-Experte. „Hier führt mehr Geld oft zu weniger Freiheit und macht damit weniger glücklich.“ Großer Reichtum kann eben auch zur Belastung werden. Zumal: „Wer mehr hat, kann auch mehr verlieren“, ergänzt Rathjen. „Das kann bei vielen Menschen Ängste auslösen und unglücklicher machen.“


Raus aus der Schmuddelecke

Geld kann also sehr wohl glücklich machen, muss es aber nicht. Es gilt allerdings auch, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Es gibt viele – mehr oder wenige dumme – Stammtisch-Parolen zum Thema, keine Frage. ‚Geld macht nicht glücklich, beruhigt aber die Nerven‘ ist wohl eine davon. ‚Über Geld spricht man nicht‘ eine andere. „Man muss Geld nicht pathetisch, sondern pragmatisch sehen“, sagt Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank.“ In einer Zeit, in der die Altersvorsorge weder mit Rente noch mit Zinspapieren auskömmlich sei, müsse man sich selbst glücklich machen, damit man später über die Runden komme. „Es geht also nicht darum, wie Onkel Dagobert in den Dukaten zu schwimmen“, ergänzt der Experte. „Geld ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck.“ Wenn man sich auch im Alter noch etwas leisten kann und nicht auf andere angewiesen ist, mache das sicherlich glücklich.

Geld müsse aus der „Schmuddelecke“ heraus, so Halver. „Bei Geld geht es nicht um Millionäre mit Golduhr und superteurem Auto“, sagt der Kapitalmarkt-Experte. „Geld ist etwas sehr banales, etwas alltägliches für alle.“ Ausgerechnet die Länder, in denen die Bevölkerung unverkrampft über Geld und seine Anlageformen diskutiert, sehe die Altersvorsorge besser aus als in Deutschland. Als Beispiel führt er die Schweiz an. „Die nur hypermoralische, politisch korrekte Umgangsweise mit Geld gehört in den Mülleimer“, ist Halver überzeugt. „Wenn der Mantel des Schweigens über Geld ausgebreitet wird, muss man sich also nicht wundern, dass man im Alter nicht glücklich, sondern unglücklich ist.“

Und die Börse? Macht sie glücklich? „Ich mache aus meiner Sympathie für Börse kein Hehl“, sagt Halver. Die Beschäftigung mit Analysen, Wertpapieren und Anlagestrategien, also mit Geld, ist sein Traumberuf. „Mein Job als Kapitalmarktanalyst gibt mir Lebensqualität und das macht mich tatsächlich glücklich“, sagt er. „Und wenn ich in dieser Funktion dann auch noch mein eigenes Anlageschicksal in der Hand habe, bin ich finanziell unabhängig und damit auch „glücklich’.“ Ähnlich sieht es Rathjen: „Die Börse verschafft mir interessante und herausfordernde Arbeit, bei der es immer etwas hinzuzulernen gibt“, sagt er. „Und das auch noch gut bezahlt.“ Deshalb macht die Börse ihn schon ein Stück weit glücklich. Allerdings gibt er auch zu: „So viel Geld, dass es mich unabhängig macht, habe ich mit der Börse nicht verdienen können, also unabhängig macht sie mich nicht.“