Vorsicht Anleger: Klumpenrisiko

Wer auf den S&P 500 setzt, der setzt auf den breiten amerikanischen Aktienmarkt. Mit großer Streuung natürlich, schließlich sind im Index stolze 500 Werte vertreten. So weit, so gut - und so falsch. Denn mit der Diversifizierung ist es nicht mehr besonders weit her. Die großen Tech-Giganten Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet, Facebook machen gut 20 Prozent des S&P 500 aus. Ein gigantisches Klumpenrisiko. Natürlich ist die Entwicklung dem großen Erfolg der fünf Konzerne zuzuschreiben: Ihr Geschäft brummt, der IT-Branche gehört die Zukunft. Deshalb haben sie einen gigantischen Börsenwert erreicht. Und da die Unternehmen im S&P 500 nun mal nach Marktkapitalisierung gewichtet werden, ist ihr Anteil so stark gestiegen.

Ist ein solches Klumpenrisiko gesund? Zumindest ist es nicht erfreulich, findet Dirk Rathjen. „Die Wirtschaft tendiert dazu, größere und kleinere Branchen zu haben“, sagt der Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau (IVA). „Die Indexschwergewichte sind oft die, von denen man erwartet, die Goldgrube der Zukunft zu sein.“ Vor 120 Jahren waren es die Eisenbahnen, um die Jahrtausendwende die Internetfirmen, in den frühen 2000er-Jahren die Finanzkonzerne und heute eben die FAANG-Aktien plus Microsoft. Die Beispiele zeigen, dass die Favoriten der Investoren wechseln, entsprechend haben sich auch die Indexschwergewichte immer wieder normalisiert. Oft war das mit herben Verlusten für Aktionäre verbunden. Für Rathjen ist das eine Warnung, nicht zu viel in den am höchsten gewichteten Sektor zu investieren. Auch marktbeherrschende Giganten sind vor einer Krise und dem Abstieg nicht gefeit. Vorsicht Klumpenrisiko!


Starke Konzentration auch in der Schweiz

Diese Marktmacht einzelner Unternehmen ist übrigens keine amerikanische Besonderheit. Das selbe Phänomen ist auch im DAX zu beobachten: Hier kommt SAP, Deutschland größtes und erfolgreichstes IT-Unternehmen, mittlerweile auf einen stolzen Anteil von 13 Prozent. Und es geht noch heftiger: „Unangenehm ist die Konzentration in der Schweiz“, sagt Rathjen. Im Standardwerte-Index SMI sind Hoffmann LaRoche und Novartis mit rund 18 Prozent und Nestlé sogar mit 19 Prozent gewichtet. Drei Unternehmen machen also mehr als die Hälfte des Index aus. Rathjen merkt jedoch an, dass das nicht eins zu eins in ETF-Porfolios landet. „In Publikumsfonds gibt es eine Obergrenze von zehn Prozent für einzelne Titel“, sagt er.

Doch zurück zu den Tech-Giganten. IT, Software und Telekom kommen zusammen auf 37 Prozent im S&P 500 und auf 36 Prozent im MSCI World. Allein Amazon, Apple, Alphabet, Facebook und Microsoft machen im Weltaktienindex gemeinsam zwölf Prozent aus. Das mag ein erhöhtes Klumpenrisiko sein, doch Digitalisierung und Automatisierung sind eben absolute Megatrends. „Man sollte bei den fünf Titeln bedenken, dass sie sehr unterschiedliche Geschäftsfelder haben und dass in diesen gut diversifiziert wird: Software, Smartphones, andere Hardware und Streaming, Retail-Verkauf und Cloud, soziale Netzwerke“, relativiert Rathjen.


IT-Übergewicht ist per se nicht verwerflich

Geht die Tech-Rally weiter, laufen die Geschäfte weiter so gut, können Investoren auch vom Übergewicht der Tech-Aktien in den Indizes (und vielen Fonds) profitieren. Wie immer bei der Geldanlage gilt aber natürlich: Anleger sollten wissen, was sie tun. Sie sollten sich die Indizes, auf die sie setzen und die sie kombinieren wollen, genau anschauen. Und sie sollten bedenken: Es gibt sicher Schlimmeres, als ein gewisses Übergewicht auf die großen IT-Konzerne und damit die Megatrends unserer Zeit zu legen. Sie müssen sich dessen nur bewusst sein.

An den großen amerikanischen Tech-Konzernen kommt im Grunde an der Börse auch wirklich niemand vorbei. Ihre Entwicklung war gigantisch, das zeigt auch ein Vergleich des Portals „ETF-Nachrichten“. Vor dem Corona-Crash kam der gesamte deutsche Aktienmarkt auf eine Marktkapitalisierung von rund 2,1 Billionen Euro. Die beiden wertvollsten amerikanischen Unternehmen Apple und Microsoft waren zusammen rund 2,35 Billionen Euro wert. Nur diese beiden Tech-Giganten übertrafen also den Wert aller aktiengehandelten Unternehmen Deutschlands zusammen. Da kann es schon mal zu Klumpen im Depot kommen!