Zahlungsunfähige USA: viel Schrecken, wenig wahrscheinlich?
4 Minuten
24.09.2021

Zahlungsunfähige USA: viel Schrecken, wenig wahrscheinlich?

Die US-Schuldenobergrenze erhitzt die politischen Gemüter. Die US-Finanzministerin befürchtet eine „historische Finanzkrise“ und die Märkte eine Zahlungsunfähigkeit der USA. Wie wahrscheinlich das Szenario ist und warum sowohl US-Treasuries als auch die venezolanische Währung dabei eine Rolle spielen.

Janet Yellen wählte drastische Worte. Eine „historische Finanzkrise“ sei möglich, betonte die US-Finanzministerin in einem Beitrag für das Wall Street Journal. Der Auslöser: Demokraten und Republikaner streiten um die Schuldenobergrenze – im schlimmsten Fall wäre eine Zahlungsunfähigkeit die Folge. Sollte es so weit kommen, dann würden die USA daraus „als eine dauerhaft geschwächte Nation hervorgehen“. Diese Schreckensszenarien von Yellen hört man offensichtlich nicht gerne. Mit ihren Worten traf die US-Finanzministerin einen Nerv im Selbstverständnis der Vereinigten Staaten – und sorgte für Besorgnis an den Kapitalmärkten. Schlittern die USA wirklich in ihre erste richtige Zahlungsunfähigkeit? „Die mahnenden Worte von Janet Yellen haben die Diskussion in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und etwas Unsicherheit in die Märkte reingebracht – vor allem in Kombination mit den Problemen von Evergrande in China“, meint auch Christian Funke, Vorstand und Fondsmanager bei Source For Alpha, der wegen des S4A US Long Fonds ein waches Auge auf die Geschehnisse wirft.

Dabei ist der Anlass für Yellens Aussagen eine Art periodischer Streitpunkt im politischen Washington und war eigentlich vorhersehbar. Immer wieder stellt sich die Frage: Wird die Schuldenobergrenze der USA erhöht oder ausgesetzt, damit das Finanzministerium weiterhin Ausgaben tätigen kann? Geht es nach den Republikanern, dann wurde diese Frage gerade mit einem „Nein“ beantwortet. Sie stimmten im Repräsentantenhaus geschlossen gegen einen Gesetzesentwurf, der den laufenden Haushalt bis Dezember verlängern und die Schuldenobergrenze bis Dezember 2022 aussetzen soll. Der Vorschlag wurde trotzdem knapp mit 220 zu 211 Stimmen angenommen. Der nächste Schritt wäre dann eine Bewilligung des Gesetzes im Senat, in dem die Demokraten zwar eine Mehrheit innehaben, aufgrund einer Sperrminorität aber auf die Stimmen von mindestens zehn Republikanern angewiesen sind.


Novum unter den Staatspleiten

Die parteipolitischen Querelen könnten – falls keine Einigung zustande kommt – schon zum Ende des US-Fiskaljahres und damit ab Oktober zu einem „Government Shutdown“ führen. Zuletzt war das 2018 in der Präsidentschaft von Donald Trump der Fall. 35 Tage lang lähmte die Haushaltssperre die USA, Löhne wurden aus- und Zwangsurlaube durchgesetzt. Die Regierung verursachte damit die längste Haushaltssperre überhaupt, Studien berechneten pro Woche eine Reduktion des Wirtschaftswachstums um 0,13 Prozentpunkte und insgesamt Kosten von über sechs Milliarden US-Dollar

Der Shutdown ist aber nur die eine Sache. „Dies wäre für die Betroffenen zwar schmerzhaft, hätte allerdings lange nicht die katastrophalen Auswirkungen auf die Finanzmärkte (und damit auf die Gesamtwirtschaft) wie ein Zahlungsausfall der Regierung, der aus einer nicht erfolgten Anhebung der Schuldengrenze resultieren würde“, erklärt auch Bernd Weidensteiner, Senior Economist bei der Commerzbank, in einem aktuellen Marktkommentar. Die Schuldenquote der USA hat sich allein seit der Jahrtausendwende verdoppelt, Zahlungsausfälle gegenüber Anleihegläubigern oder im Sozialstaat wären nun möglich. Genau dieses Szenario, das zwischen Mitte und Ende Oktober eintreten könnte, fürchtet auch Yellen. „Weder die Demokraten noch die Republikaner können es sich erlauben, die Kreditfähigkeit der USA in Frage zu stellen“, warnt auch Funke. Nie zuvor, das sagte auch Yellen, haben die USA ihre Schulden nicht bezahlen können. Die Folge wären ein massiver Vertrauensverlust und eben die befürchtete schwere Wirtschaftskrise – weil ein Zahlungsausfall der US-Regierung eine ganz andere Signalwirkung nach sich ziehen würde, als es in der Vergangenheit bei anderen „Staatspleiten“ der Fall war.


Dollar als Helferlein

Was allerdings als Staatspleite zu verstehen ist, ist nicht klar definiert. So zählt es meist schon, wenn Regierungen nur teilweise fällige Forderungen nicht begleichen können. Im Falle von Argentinien waren es 2001 nach verschiedenen Berechnungen ausstehende Schulden von 80 bis 100 Milliarden Dollar, schlimmer war die Krise in Griechenland 2015 oder in Venezuela 2017, als der südamerikanische Staat Ausfälle von rund 170 Milliarden Dollar verzeichnete. Teilweise schlittern Staaten mehrfach in die Zahlungsunfähigkeit, was sich auf ihre Kreditwürdigkeit auswirkte. Allerdings haben die USA einen Vorteil namens Dollar – dass die „Weltwährung“ plötzlich eklatant an Anerkennung verliert, ist nahezu ausgeschlossen. Anders war es bei beim argentinischen Peso oder beim venezolanischen Bolivar. Eine geschwächte Währung bedeutete, dass für den Schuldendienst mehr Volumen in Landeswährung aufgebracht werden musste, was die heikle Situation jeweils noch verstärkte. Traditionell konnten die USA ihre Staatsschulden bisher aber ja gut monetarisieren und sich auf den Dollar verlassen – Stichwort US-Treasuries.

Das Ausmaß einer möglichen US-Zahlungsunfähigkeit und die Wirkung auf Treasuries sind schwer zu prognostizieren. In den Vereinigten Staaten geht es in der Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Republikanern um eine Schuldenobergrenze von satten 28,4 Billionen Euro. Davon entfallen 22,3 Billionen auf Schuldner wie Individuen, Unternehmen oder Notenbanken, der Rest sind innerstaatliche Schulden. Wie viele Ausfälle dann wirklich eintreten könnten, wenn die Schuldengrenze überschritten wird, hängt auch von der Fälligkeit der Verbindlichkeiten ab. Die Mitglieder der American Bankers Association jedenfalls warnten Mitte September in einem offenen Brief vor der Gefahr und verwiesen auf die elementare Wichtigkeit der US-Treasuries – unabhängig von der Höhe des Ausfalls. „Jeder Zahlungsausfall würde sich negativ auf die allgemeine Wirtschaft auswirken, die Funktionsweise unserer Finanzmärkte stören, das Vertrauen untergraben und die Finanzierungskosten in der Zukunft erhöhen.“ Die Schäden wären „irreparabel“.


Gefahr, aber genug Hoffnung

Als besonders realistisch schätzen die Märkte das Staatspleiten-Szenario aber nicht unbedingt ein. „Wir sehen in der Auseinandersetzung um die Schuldenobergrenze keine fundamentalen Risiken – das Risiko eines technischen Zahlungsausfalls ist gering und die Wahrscheinlichkeit eines vorübergehenden Shutdowns der Regierung begrenzt“, erklären die Analysten vom weltgrößten Asset-Manager Blockrock und ergänzen: „Zeitweise könnten die Querelen aber Nervosität an den heißgelaufenen Märkten auslösen.“ Bisher verhielten sich die Zinskurven ähnlich wie 2013 oder 2017, als ebenfalls die Deadline für die Schuldenobergrenze ohne Einigung näher rückte. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es wirklich zur Zahlungsunfähigkeit der USA kommt – es handelt sich um ein politisches ‚Brinkmanship‘, bei dem wahrscheinlich wie auch in der Vergangenheit immer wieder in letzter Minute eine Einigung erreicht wird“, positionierte sich Source-for-Alpha-Experte Funke klar. Und auch Commerzbank-Experte Weidensteiner bleibt vorsichtig optimistisch: „Spätestens der bei einer ausbleibenden Einigung ab 1. Oktober beginnende Shutdown von Regierungsbehörden könnte für den nötigen Druck sorgen. Wir gehen daher davon aus, dass die Schuldengrenze zwar spät aber noch rechtzeitig angehoben oder ausgesetzt wird.“

Um diese Funktion nutzen zu können, müssen Sie sich einen kostenlosen Account anlegen.