Warum steigen Aktien überhaupt? Stellt man diese Frage professionellen Anlegern, wird man zahlreiche Antworten erhalten. Die Antwort der Wirtschaftswissenschaften fällt eindeutiger aus. Es sind bestimmte Risikofaktoren, die Anlegern Prämien versprechen. Geläufige Risikofaktoren sind die Größe eines Unternehmens (Size), dessen Bewertung (Value), dessen Profitabilität (Quality), die Kursdynamik (Momentum) und das Risiko (Volatility). Verschiedene Studien haben die genannten Faktoren untersucht und kommen unterm Strich zum Ergebnis, dass diese einen positiven Einfluss auf den Kurs haben können. Davon abgeleitete Hypothesen lauten dann: Kleine Unternehmen entwickeln sich dynamischer als große oder niedrig bewertete Unternehmen bergen ein größeres Kurspotenzial sowie ein geringeres Risiko.

 

Factor Investing in Teamarbeit

Doch was bleibt von diesen Hypothesen übrig, wenn man sie dem Realitäts-Check des Marktes unterzieht? Sogenannte Smart-Beta-ETFs, die sich einzelnen Risikofaktoren verschrieben haben oder auch mehrere Faktoren miteinander kombinieren, sind in der Vergangenheit in die Kritik geraten, weil sie teilweise keine Überrendite erzielen konnten. Robert Velten, Geschäftsführer von Velten Asset Management, nimmt diese Faktoren seit Jahren unter die Lupe: „Wir haben gängige Faktoren langfristig untersucht und sind zum Ergebnis gekommen, dass es immer wieder Phasen gibt, in denen sie nicht funktionieren“, so Velten. Dazu zählt der Portfoliomanager Momentum, Value sowie kurzfristiges und langfristiges Wachstum. Beim Faktor Size sieht Velten überhaupt keinen signifikanten Einfluss und berücksichtigt ihn daher nicht. „Es gibt zwar immer wieder Marktphasen, in denen Smallcaps bessere Ergebnisse erzielen, jedoch lässt sich daraus keine belastbare und allgemein gültige Regel ableiten“, erklärt Velten. „Aus diesem Grund ist der Size-Faktor für einen Investment-Ansatz, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, ungeeignet.“

Velten lässt seine Ergebnisse auch in einen eigenen Fonds einfließen. Dabei kombiniert der Portfoliomanager, der auch als Lehrbeauftragter tätig ist, bewusst mehrere Faktoren. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass stete Überrenditen nur möglich sind, wenn wir verschiedene Faktoren kombinieren. Um unsere Strategie keinem diskretionären Risiko auszusetzen, sind einzelne Faktoren starr gewichtet“, so Velten.

Gegenüber der passiven Konkurrenz zeigt sich Velten versöhnlich: „Ein Multi-Faktor-Ansatz auf ETF-Basis kann besser abschneiden als viele andere Finanzprodukte. Doch heißt das noch lange nicht, dass damit die Möglichkeiten des Factor Investings ausgeschöpft sind“, betont Velten und verweist auf eigene Studien. Dabei untersuchte Velten, welchen Einfluss die Datenqualität auf die Performance von Faktorstrategien hat. Auf Sicht von vier Jahren generierte eine Faktor-Strategie mit optimierten eigenen Daten eine mehr als doppelt so hohe Überrendite als dieselbe Strategie auf Basis von Fremddaten. „Beim Factor Investing ist Datenqualität entscheidend. Wir würden beispielsweise niemals die Bewertung eines Unternehmens lediglich am Kurs-Gewinn-Verhältnis festmachen. Auch ist es wichtig, Daten selbst zu erheben. In den Tiefen des Geschäftsberichts finden sich manchmal Informationen, die man so in großen Datenbanken nicht findet“, erklärt der Portfoliomanager.

 

„In Seitwärtsphasen besser konzentriert investieren“

Eine oftmals geäußerte Kritik am Factor Investing ist es, dass der Investment-Ansatz auf effizienten Märkten weniger gut funktioniere. Ineffizienzen müssten vorhanden sein, damit sich eine Überrendite überhaupt generieren lasse. Für Anleger bedeutet das allerdings nicht, dass Märkte wie die USA, Europa oder auch Deutschland außen vor bleiben sollten. „Auch in Deutschland zeigen sich verschiedene Ineffizienzen, was sich nicht zuletzt in Fehlallokationen bemerkbar macht“, findet Velten. Seine eigene Strategie nimmt der Portfoliomanager dabei keineswegs aus. „Zwar halten wir an unserer Multi-Faktor-Strategie fest und lassen uns nicht von jedem Marktrauschen beirren, jedoch heißt das nicht, dass wir dogmatisch sind. Wir überprüfen unsere Thesen regelmäßig mit neuen Analysen und halten nur so lange daran fest, bis sie mit wissenschaftlichen Methoden falsifiziert wurden“, so der Portfoliomanager.

Angesichts der wachsenden Nervosität vieler Privatanleger stellt sich die Frage, ob Factor Investing nicht auch für unsichere Marktphasen eine Alternative sein kann. Doch Velten hält wenig davon, Faktorinvestments als Alternative für die Krise feilzubieten. „Jede in die Zukunft gerichtete Aussage wäre unlauter. Marktkorrekturen betreffen in der Regel vielerlei Strategien und laufen zudem nicht identisch ab. Ihre Stärken können gute Multi-Factor-Ansätze allerdings in Seitwärtsphasen ausspielen, wenn sie gezielt die besten Titel eines Anlage-Universums selektieren“, antwortet Velten und hält in solchen Phasen wenig von breit diversifizierten Produkten, wie beispielsweise Multi-Factor-ETFs.

 

Worauf Investoren achten sollten

Factor Investing ist ein Anlagestil, der zwar sehr gut erforscht ist, aber dennoch einige Fragen offen lässt. Vor allem Analysen auf Basis historischer Kursdaten, die sich nur auf bestimmte Marktphasen beziehen, sollten Anleger hellhörig werden lassen. Die Frage nach dem Grund für Kurssteigerungen lässt sich in der Rückschau immer besser beantworten. Heutige Investoren mit Blick nach vorne sollten darauf achten, dass Anlagekonzepte langfristig erprobt sind und auf optimierten Datenquellen basieren.